Arbeitskreis Militär und Gesellschaft in der frühen Neuzeit

Die Autobiographie des kursächsischen Fouriers Friedrich Christian Sohr (1748 bis 1788)

Einleitung von Stefan Kroll

Im Jahre 1788 veröffentlichte der Verlag Fickelscherer in Görlitz unter dem Titel „Meine Geschichte“ die Autobiographie eines Unbekannten.1Bis auf den Anfangsbuchstaben „S“ auf der Titelseite und die Buchstabenkombination „S–r.“ am Ende der letzten (174.) Druckseite bleibt der Verfasser anonym. Der Titel und die unscheinbare äußere Aufmachung lassen zunächst keinen näheren Aufschluss zum Inhalt des Buches zu. Bei eingehenderer Lektüre offenbart sich jedoch recht bald, dass die Veröffentlichung einen erheblichen Wert für die militärgeschichtliche Forschung zum 18. Jahrhundert besitzen könnte, denn der Urheber, ursprünglich ein Kaufmannsgehilfe, schildert in seiner Autobiographie insbesondere seine Erlebnisse als Fourier2 bei der kursächsischen Armee in den Jahren 1775 bis 1784 sowie (auf mehr als 70 Seiten) die daran anschließenden Erfahrungen als Deserteur in Österreich. Während mittlerweile auch von Unteroffizieren und einfachen Soldaten eine ganze Reihe autobiographischer Aufzeichnungen aus dem 18. Jahrhundert in edierter Form vorliegt,3 sind ausführliche Selbstzeugnisse von Deserteuren aus dieser Zeit äußerst selten.4 Insbesondere aus diesem Grund habe ich mich dazu entschlossen, die Autobiographie des Fouriers nochmals als Edition im Internet zu veröffentlichen, obwohl sie bereits seit 1788 gedruckt vorliegt.5 Eigene Forschungen zur Geschichte kursächsischer Soldaten und eine darauf basierende, recht gute Kenntnis der Quellenlage ermöglichen neben der Wiedergabe als Faksimile und der Transkription auch eine kritische Edition des Textes.6 In einem ausführlichen Anmerkungsapparat werden nicht nur heute ungebräuchliche oder unbekannte Begriffe entschlüsselt, sondern darüber hinaus auch in größerer Anzahl inhaltlich weiterführende Erläuterungen und Aufschlüsselungen geboten. Die Edition stützt sich nicht unwesentlich auf studentische Vorarbeiten im Rahmen eines Seminars an der Philosophischen Fakultät der Universität Rostock im Wintersemester 2004/2005.7

Am Anfang der Beschäftigung mit der Autobiographie stand die Frage, wer der Verfasser war, der sich hinter den Abkürzungen „S“ bzw. „S–r“ verborgen hat. Die Abgleichung der von ihm selbst sehr präzise vorgenommenen Angaben zu Zeit und Ort mit anderen Quellen führte sehr schnell zum Ziel:8 Es handelt sich um Friedrich Christian Sohr, Sohn einer Kaufmannstochter und eines Oberamtsadvokaten (der in Görlitz zugleich als Ratsherr und Kaufmann tätig war).9

Die Autobiographie umfasst den gesamten Zeitraum von Sohrs Geburt am 27. April 1748 bis zur Publikation 1788. Darin behandelt Sohr anfangs die Zeit seiner Kindheit und schulischen Ausbildung. Nachdem er zunächst Privatunterricht erhalten hat, wechselt er auf das Görlitzer Gymnasium, wo er bis zur Vollendung des 16. Lebensjahres bleibt. Anschließend entscheidet sich der Ratsherrensohn trotz des Zuredens seiner Lehrer gegen ein Studium und beginnt stattdessen 1764 eine kaufmännische Lehre in Leipzig, die er 1770 abschließt. Als Handlungsdiener (Kaufmannsgehilfe) ist er weder glücklich noch erfolgreich und kehrt 1771 nach Görlitz zurück. Auch hier kann er jedoch beruflich nicht Fuß fassen, da sich das Geschäft seines Vaters in starkem Niedergang befindet und dieser selbst im Februar 1772 stirbt. Nach verschiedenen vergeblichen Anläufen, sein Auskommen zu erzielen, bewirbt Sohr sich 1775 um die Stelle eines Fouriers bei einem Infanterie-Regiment der sächsischen Armee. Er wird engagiert und nimmt in den Jahren 1778/79 am Bayerischen Erbfolgekrieg teil, über den er in seiner Autobiographie ausführlich berichtet. Einen weiteren Schwerpunkt seiner Lebensbeschreibung stellen die eigene Desertion im März 1784 und die folgenden acht Monate in Prag und Wien dar. Mit Hilfe seines Schwagers gelingt es ihm, Pardon von seinem Regiment zu erhalten, aus dem er nach seiner Rückkehr nach Görlitz aber entlassen wird. Die folgenden Jahre sind schließlich gekennzeichnet von zahlreichen vergeblichen Bemühungen, eine dauerhafte Anstellung zu finden und damit den Lebensunterhalt für sich und seine Familie (seit 1782 ist er verheiratet, seit 1787 Vater einer Tochter10) selbst bestreiten zu können.

Der weitere Lebensweg des Friedrich Christian Sohr liegt trotz unterschiedlicher Bemühungen bisher noch weitgehend im Dunkeln. Einzig ist bekannt, dass er in seiner Görlitzer Heimatgemeinde St. Peter und Paul nach 1788 keine weiteren Kinder taufen ließ und seine Frau bei ihrem Begräbnis in Görlitz am 19. Februar 1819 verwitwet war. Demnach muss Sohr vor diesem Datum gestorben sein, ohne dass sich sein Begräbnis im Kirchenbuch St. Peter und Paul nachweisen lässt. Zumindest im bürgerlichen Leben scheint er nicht wieder Fuß gefasst zu haben, denn der Eintrag zu seiner Witwe im Begräbnisregister der Evangelischen Kirchengemeinde St. Peter und Paul lautet „Friedrich Christian Sohrs, gewesenen Fouriers unter dem Königl. Sächs. Graf Brühl. Infanterie-Regiments nachgel. Wittwe. Im Hospital zu St. Jacobi verstorben“. Auch in die kursächsische Armee scheint Friedrich Christian Sohr nicht mehr zurückgekehrt zu sein, denn sein letzter Regimentschef, Albert Christian Heinrich von Brühl (1743-1792), Sohn des sächsischen Premierministers Heinrich von Brühl, gab das Regiment bereits 1787 ab und wurde aus der Armee verabschiedet.11

Weitere schriftstellerische Aktivitäten Sohrs sind mir bisher nicht bekannt geworden. Dennoch ist es nahe liegend, eine Verbindung zur Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften anzunehmen, die 1779 gegründet wurde und in der Folgezeit eine Vielzahl von wissenschaftlichen Aktivitäten entwickelte.12 Zu ihren Hauptzielen zählten der Einsatz für die Bildung des Volkes und die Anregung philologisch-historischer Arbeiten.13 1788 wurde eine eigene Lesebibliothek begründet. Regelmäßig stellte sie ihren Mitgliedern in der Vereinszeitschrift „Lausizische Monatsschrift“ Preisfragen. So lautete die von 1795: „Durch welche Mittel ist bey dem Oberlausitzischen Landvolcke die Abneigung vor dem Soldatenstande zu vermindern, und wie kann durch Bildung in höhern und niedern Ständen die Ausbildung dieser Dienstpflicht befördert werden?“14 Einer der frühesten Förderer und selbst Mitglied der Gesellschaft war der Jurist und spätere Görlitzer Bürgermeister, Dr. Samuel August Sohr (1751-1838), ein Cousin Friedrich Christian Sohrs.15 Von Samuel August Sohr liegt im Archiv der Oberlausitzer Gesellschaft der Wissenschaften eine mit „Versuch und Entwurf“ überschriebene handschriftliche Ausarbeitung zur erwähnten Preisfrage von 1795 vor.16 Interesse für Fragen des sächsischen Militärs kann bei ihm also vorausgesetzt werden, und so ist es durchaus möglich, dass sich Friedrich Christian Sohr nicht nur wichtige Anregungen für seine Autobiographie bei seinem Verwandten bzw. bei anderen Mitgliedern der Gesellschaft holte, sondern von diesen auch zur Abfassung seines Manuskripts ermuntert wurde.17

Sowohl in seinem einführenden „Vorbericht“ als auch in einer Schlussbemerkung äußert sich Friedrich Christian Sohr über die Absichten, die er mit der Veröffentlichung seiner Lebensgeschichte verbindet. Im Mittelpunkt stehen danach zwei Wünsche. Zum einen hofft Sohr, jemanden auf sich aufmerksam zu machen, der bereit ist, ihm in seiner aktuellen wirtschaftlichen Notlage zu helfen und dem er zu Diensten sein kann. Zum anderen will er andere junge Männer durch die Beschreibung seines unglücklichen Lebensweges davor warnen, die gleichen Fehler wie er selbst zu begehen. Insbesondere sollen seine jungen Leser erkennen, dass Desertion aus der Armee oder Weglaufen aus anderen Dienstverhältnissen sehr negative Konsequenzen haben können. Zu seinen Hauptlastern zählt er Verschwendungssucht, übermäßigen Alkoholkonsum und die Gemeinschaft mit falschen Freunden. Sohr versucht durch Ehrlichkeit, Selbstkritik und Reue zu überzeugen. Dazu gehört auch, dass er sehr ausführlich Emotionen wie Schmerz, Trauer oder Angst im Krieg beschreibt, die größtenteils dem zeitgenössisch herrschenden Bild des „tapferen“, „todesmutigen“ Soldaten konträr entgegenstanden.

In seinem „Vorbericht“ betont der Verfasser, dass er weder willent- noch wissentlich in seiner Darstellung ein falsches Wort gebraucht habe. Soweit es sich um bestimmte Ereignisse, Daten oder Personennamen handelt, lässt sich dieser Anspruch der wahrheitsgemäßen Beschreibung durch Abgleichen mit anderen Quellen (etwa den Musterungslisten oder operationsgeschichtlichen Darstellungen des Bayerischen Erbfolgekrieges) weitestgehend bestätigen. Dagegen ist besondere Vorsicht bei der Bewertung der geäußerten Emotionen angebracht, denn für den Leser ist immer nur der Gefühlsausdruck, nie aber das Gefühl selbst zugänglich. Neuere Forschungen zu frühneuzeitlichen Selbstzeugnissen haben gezeigt, dass vor allem schriftliche Gefühlsäußerungen häufig stark stilisiert wiedergegeben wurden.18 Auch Sohr hat in seiner Veröffentlichung, die ja zugleich eine Bewerbung darstellen sollte, sicher versucht, so zu formulieren, dass er von seiner Zielgruppe verstanden werden konnte und gegen keine wichtigen Konventionen verstieß. Schließlich musste er als offenbar mittelloser Anfänger in der Schriftstellerei seinen Verleger davon überzeugen, dass sich sein literarisches Erstlingswerk auch verkaufen ließ.

Darüber hinaus ist zu fragen, nach welchen Vorbildern Sohr bei der Abfassung seiner Lebensgeschichte vorgegangen sein könnte. Dass angesichts der persönlichen und örtlichen Umstände eine Beeinflussung des Ratsherrensohnes durch Angehörige der in Görlitz beheimateten Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften wahrscheinlich ist, war bereits herausgearbeitet worden, auch wenn er selbst nur von „guten Freunden“ spricht, die ihm zur Veröffentlichung zugeraten hätten. Nach der älteren literaturgeschichtlichen Typisierung der Autobiographie wäre Sohrs Werk dem Genre der abenteuerlichen Lebensgeschichte zuzuordnen. Mit den Worten Günter Niggls wurde in dieser Erzählform – wahrscheinlich als Nachklang der „Empfindsamkeitsbewegung“ – nach 1750 „die Selbstcharakteristik in der deutenden Zeichnung der eigenen Erlebnisse zum zentralen Darstellungsobjekt“.19 Aus einem zunehmend säkularisierenden, sich weltlichen Dingen zuwendenden Pietismus heraus rückte an die Stelle der Frömmigkeit die psychologische Betrachtung des empfindenden und wertenden Ich.20

Als mögliche Vorbilder für Sohr böten sich danach der Zweifel, Unzufriedenheit und Zerrissenheit reflektierende Roman „Anton Reiser“ von Karl Philipp Moritz sowie besonders die Lebensgeschichte des Schweizers Ulrich Bräker an (Bräker war kurz vor und zu Beginn des Siebenjährigen Krieges preußischer Soldat und hat diesen Abschnitt seines Lebens in seiner Autobiographie breit abgehandelt).21 Die Buchversion dieses Selbstzeugnisses erschien jedoch erst 1788/89 und damit praktisch zeitgleich mit Sohrs Veröffentlichung. Als direktes Vorbild kommt sie damit kaum in Frage, während vom vierbändigen „Anton Reiser“ bis 1786 immerhin die Teile 1 bis 3 erschienen waren.

Allerdings sind in jüngster Vergangenheit berechtigte Zweifel an den relativ schematischen Thesen der älteren deutschsprachigen Literaturwissenschaft zur psychologischen Säkularisierung22 geäußert worden. Durch Ausweitung der Quellenbasis entstand der Eindruck, dass in Autobiographien des späten 18. Jahrhunderts eine verstärkte psychologische Selbstbeobachtung möglich ist, ohne dass gleichzeitig die Frömmigkeit völlig ihre frühere Bedeutung verliert.23 Sohrs Lebensgeschichte stützt diese Sichtweise, denn auch hier gibt es ein Nebeneinander verschiedener Erscheinungsformen. So präsentiert sich der Görlitzer Handlungsdiener und Unteroffizier nicht nur als kritischer Betrachter seines eigenen Lebens, sondern ebenso als ein stark religiös geprägter Mensch. Als solcher unternimmt er indes nicht etwa eine sakrale Legitimation des Krieges, sondern setzt auf die erzieherische Wirkung von „Gottesfurcht“. Insgesamt ist sein Werk geprägt von aufklärerischem Gedankengut. Dies gilt es bei jeder Interpretation des Textes zu berücksichtigen.24

Hinweise zur Edition:

– Quellen- und Literaturverweise werden in den Fußnoten in Kurzform geboten. Die Auflösung ist über das nachfolgende Quellen- und Literaturverzeichnis möglich.

– Abkürzungen von Namen und Orten, die der Verfasser verwendet hat, sind nur dort aufgelöst worden, wo das zweifelsfrei möglich war.

– Erläuterungen zu fremdsprachlichen und heute ungebräuchlichen Begriffen werden jeweils nur beim ersten Auftreten gegeben.

Abgekürzt zitierte Quellen und Literatur:

ADB:

Elektronische Allgemeine Deutsche Biographie (Internet-Version)

< http://mdz1.bib-bvb.de/~ndb/adb_index.html, letzter Aufruf: 12.2.2006>

Adelung:

Adelung, Johann Christoph: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Wien 1811 (Internet-Version)

<http://mdz.bib-bvb.de/digbib/lexika/adelung, letzter Aufruf: 12.2.2006>

Barthold/Verlohren:

Barthold, Max/Verlohren, Franz (Hrsg.): Stammregister und Chronik der Kur- und Königlich Sächsischen Armee von 1670 bis zum Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts, bearbeitet von Heinrich August Verlohren, Leipzig 1910.

Begräbnisregister PP Görlitz:

Begräbnisrregister der Evangelischen Kirchengemeinde St. Peter und Paul in Görlitz.

Duden-Fremdwörterbuch:

Duden – Das große Fremdwörterbuch, 3. Aufl., Mannheim u. a. 2003.

Fischer:

Fischer, Otto: Die Ordinationen der Feldprediger in der alten preußischen Armee 1718-1805, in: Archiv für Sippenforschung und alle verwandten Gebiete, Bd. 6 (1929), H. 9, S. 289-328.

Götze:

Götze, Robby Jochim: Die gräflich-schönburgische „Schloßcompagnie“ zu Glauchau, in: Sächsische Heimatblätter 3/1994, S. 126-130.

ML:

Sächsisches Hauptstaatsarchiv Dresden, Musterungsliste, Nr. […]

SHStA Dresden, Locat 1157:

SHStA Dresden, Locat 1157. Die von dem Obristen v. Stieglitz bewerckstelligte Übernahme und Entlassung der von dem Königl. Preußischen Obristen von Bischoffswerder in Sachsen Anno 1779 errichteten Feld-Jäger-Corps betr. 1779, 1801-1808.

Scherer:

Scherer, Erich: Handlexikon Militärgeschichte. Zur Geschichte des Militärs mitteldeutscher Kleinstaaten vom 16. bis zum 19. Jahrhundert, CD-ROM-Ausgabe (Digitale Bibliothek, Bd. 109), Berlin 2004.

Struve:

Struve, E. E.: Zur Geschichte des Gymnasiums in Görlitz von der Mitte des XVIII. Jahrhunderts an bis auf die Gegenwart, in: Programm, durch welches zur Feier des 300jährigen Jubiläums des städtischen Gymnasiums zu Görlitz am 26. und 27. Juni 1865 geziemend einladen der Direktor und das Lehrerkollegium, Görlitz 1865.

Taufregister PP Görlitz:

Taufregister der Evangelischen Kirchengemeinde St. Peter und Paul in Görlitz.

Trauregister PP Görlitz:

Trauregister der Evangelischen Kirchengemeinde St. Peter und Paul in Görlitz.

Zedler:

Zedler, Johann Heinrich: Grosses vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschaften und Künste, 68 Bde., Halle, Leipzig 1732-1754 (Internet-Version)

<http://www.zedler-lexikon.de letzter Aufruf: 12.2.2006>

1 S., Meine Geschichte, Görlitz 1788.

2 Der Fourier war als Fach- und Funktions-Unteroffizier für die Versorgung und Unterbringung zuständig, erledigte Schreib- und Verwaltungsaufgaben und fungierte als Kassenwart der Kompanie.

3 Hervorgehoben seien: Johann Jacob Dominicus, Aus dem siebenjährigen Krieg: Tagebuch des preußischen Musketiers Dominicus; nebst ungedruckten Kriegs- und Soldatenliedern, hrsg. von Dietrich Kerler, München 1891; Friedrich Christian Laukhard, Leben und Schicksale von ihm selbst beschrieben, hrsg. von Karl Wolfgang Becker, Leipzig 1989; Ulrich Bräker, Sämtliche Schriften, Bd. 1: Tagebücher 1768-1778, München 1998; ders., Sämtliche Schriften, Bd. 4: Lebensgeschichte und vermischte Schriften, München 2000; ders., Was gehen mich eure Kriege an? Soldatsein unter dem Großen Friedrich, [o. O.] 1985. Vgl. dazu zuletzt: Jürgen Kloosterhuis, Donner, Blitz und Bräker. Der Soldatendienst des „armen Mannes im Tockenburg“ aus der Sicht des preußischen Militärsystems, in: AlfredMesserli, Adolf Muschg M (Hrsg.), Schreibsucht. Autobiographische Schriften des Pietisten Ulrich Bräker (1735-1798), Göttingen 2004 (Arbeiten zur Geschichte des Pietismus, 44), S. 129-187.

4 Michael Sikora, Disziplin und Desertion. Strukturprobleme militärischer Organisation im 18. Jahrhundert, Berlin 1996 (Historische Forschungen, 57), S. 32. Der „berühmteste“ Deserteur des 18. Jahrhunderts ist in der deutschsprachigen Militärgeschichtsschreibung bisher zweifelsohne Ulrich Bräker, der seiner Flucht aus preußischen Diensten während der Schlacht bei Lobositz 1756 ein Kapitel seiner „Lebenserinnerungen“ gewidmet hat. Bräker, Schriften, Bd. 4 (wie Anm. 6), S. 463-469. Auch in seinem zeitnäher, aber wesentlich knapper verfassten und weniger bekannten Tagebuch findet sich die Episode. Bräker, Schriften, Bd. 1 (wie Anm. 6), S. 21 f.

5 Indes gibt es von der 1788 erschienenen Publikation heute offenkundig nur noch sehr wenige Exemplare. Mir ist bisher nur eines in der Sächsischen Landesbibliothek Dresden und ein weiteres in der Bayerischen Staatsbibliothek München bekannt.

6 Eine ausführliche Auswertung der Autobiographie habe ich in meiner Habilitationsschrift vorgenommen: Stefan Kroll, Soldaten im 18. Jahrhundert zwischen Friedensalltag und Kriegserfahrung. Lebenswelten und Kultur in der kursächsischen Armee 1728-1796 (erscheint im Frühjahr 2006 im Schöningh-Verlag, Paderborn).

7 An der Transkription des Textes, der Entschlüsselung heute ungebräuchlicher Begriffe sowie der Erstellung der digitalen Scans waren als Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmer Dirk Frontzek, Simon George, Markus Hartig, Daniel Kötzing, Corinna Schulz, Claas Selck, Carl-Christian Wahrmann, Thomas Winnig und Sarah Wendlandt sowie als studentische Hilfskraft Steffen Ruch beteiligt. Christopher Scheele, gleichfalls studentische Hilfskraft im Arbeitsbereich Multimedia und Datenverarbeitung an der Philosophischen Fakultät der Universität Rostock, übernahm die Aufgabe, die Edition in ein HTML-Format umzuwandeln und ins Netz zu stellen.

8 So findet sich seine Angabe über das Engagement als Fourier beim kursächsischen Infanterie-Regiment Le Coq in der entsprechenden Musterungsliste bestätigt. Unter dem 3. April 1775 wird der 27 Jahre alte, 68 Zoll große Friedrich Christian Sohr aus Görlitz, evangelisch und der „Profession“ nach Kaufmann, dort unter den Neuzugängen aufgeführt. Sächsisches Hauptstaatsarchiv Dresden, Musterungslisten, Nr. 898.

9 Nach einem genealogischen Auszug aus dem so genannten „Jechtkatalog“ im Ratsarchiv Görlitz handelt es sich bei Sohrs Vater um Friedrich Samuel Sohr (1710-1772). Ich danke Herrn Ratsarchivar Siegfried Hoche für die freundliche Auskunft. Diese Information – und das angegebene Geburtsdatum des Autors – finden ihre Bestätigung durch den Taufeintrag Friedrich Christian Sohrs im Taufregister der Evangelischen Kirchengemeinde St. Peter und Paul in Görlitz. Das bei Gottlieb Friedrich Otto, Lexicon der seit dem 15. Jahrhundert verstorbenen und jetzt lebenden oberlausitzischen Schriftsteller und Künstler, aus d. glaubwürdigsten Quellen möglichst vollst. Zusammengetragen. Bd. 3, Görlitz 1803, S. 303, angegebene Geburtsdatum Friedrich Samuel Sohrs (2.2.1728), kann nicht stimmen, denn als Datum der Dissertation wird dort 1736 genannt.

10 Diese Angaben finden sich ebenfalls bestätigt in den Tauf-, Trau- und Begräbnisregistern der Evangelischen Kirchengemeinde St. Peter und Paul in Görlitz. Danach heiratete Sohr am 23.1.1782 Juliana Wilhelmina Schillbach, die Tochter eines Souslieutnants beim dritten kursächsischen Kreisregiment. Am 13.1.1787 wurde dem Ehepaar die Tochter Friederica Juliana geboren. Sie starb bereits ein gutes Jahr später, am 20.2.1788.

11 Max Barthold, Franz Verlohren (Hrsg.), Stammregister und Chronik der Kur- und Königlich Sächsischen Armee von 1670 bis zum Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts, bearbeitet von Heinrich August Verlohren, Leipzig 1910, S. 154.

12 Jüngster zusammenfassender Überblick bei Joachim Bahlcke, Die Oberlausitz. Historischer Raum, Landesbewußtsein und Geschichtsschreibung vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert, in: Ders. (Hrsg.), Geschichte der Oberlausitz. Herrschaft, Gesellschaft und Kultur vom Mittelalter bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, Leipzig 2001, S. 11-53, hier S. 24-31.

13 Alexander Schunka, Die Oberlausitz zwischen Prager Frieden und Wiener Kongreß (1635 bis 1815), in: Bahlcke (Hrsg.), Geschichte (wie Anm. 15), S. 143-179, hier S. 163.

14 Lausizische Monatsschrift, Anzeigen, Jg. 1795, S. 380.

15 Angaben nach dem „Jechtkatalog“ im Ratsarchiv Görlitz. Die Väter von Samuel August und Friedrich Christian Sohr waren Brüder. Als Friedrich Christian Sohr im Januar 1787 seine Tochter taufen ließ, war Samuel August Sohr einer der Taufpaten. Taufregister der Evangelischen Kirchengemeinde St. Peter und Paul in Görlitz.

16 Oberlausitzische Bibliothek der Wissenschaften Görlitz: Archiv der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften, VIIII. 44. Weitere Veröffentlichungen Samuel August Sohrs sind nachgewiesen bei Otto, Lexicon (wie Anm. 12), S. 304.

17 Er selbst schreibt eingangs: „Auf Zureden einiger meiner guten Freunde bin ich bewogen worden meine Lebensgeschichte zu schreiben“. S., Geschichte (wie Anm. 4), S. 7.

18 Fabian Brändle u. a., Texte zwischen Erfahrung und Diskurs. Probleme der Selbstzeugnisforschung, in: Kaspar von Greyerz u. a. (Hrsg.), Von der dargestellten Person zum erinnerten Ich. Europäische Selbstzeugnisse als historische Quellen (1500-1850), Köln u. a. 2001 (Selbstzeugnisse der Neuzeit, 9), S. 3-31, hier S. 12.

19 Günter Niggl, Geschichte der deutschen Autobiographie im 18. Jahrhundert. Theoretische Grundlegung und literarische Entfaltung, Stuttgart 1977, S. 80 f.

20 Brändle u. a., Texte (wie Anm. 21), S. 20-24, die in ihren Forschungsüberblick zum Thema „Psychologisierung des Selbstzeugnisses im 18. Jahrhundert“ auch geschichtswissenschaftliche Arbeiten mit einbeziehen.

21 Vgl. dazu Bräker, Kriege (wie Anm. 6).

22 Die Psychologisierung des Selbstzeugnisses gehört zu den klassischen Arbeitsgebieten literaturwissenschaftlicher Forschung. Dabei wird unter „Psychologisierung“ eine Verweltlichung der Selbstbeobachtung verstanden. Autobiographien werden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu „Seelengeschichten“. Brändle u. a., Texte (wie Anm. 21), S. 20.

23 Brändle u. a., Texte (wie Anm. 21), S. 24.

24 Ähnliche Vorbehalte gelten im Übrigen auch gegen die autobiographische „Lebensgeschichte“ Bräkers. Er verfasste sie mit einem Abstand von rund 30 Jahren zu seiner Militärzeit, als er sich selbst bereits nicht mehr in der geistigen Welt der Unterschichten befand, sondern vielmehr nach umfänglichen geisteswissenschaftlichen Studien zu einem Anhänger der Aufklärung geworden war. Vgl. dazu unter anderem Hans-Günther Thalheim, Einleitung, in: Bräkers Werke in einem Band, 3., neubearbeitete Auflage, Berlin (Ost), Weimar 1989, S. V-XLIV

Empfohlene Zitierweise:
Stefan Kroll: Einleitung - Die Autobiographie des kursächsischen Fouriers Friedrich Christian Sohr (1748 bis 1788), url: http://www.amg-fnz.de/index.php?site=sohr_einleitung