Arbeitskreis Militär und Gesellschaft in der frühen Neuzeit

Tagebuch des Capitains Theodor von Papet über den Feldzug in Russland 1812

Einleitung von Ditmar Haeusler

Theodor von Papet aus einer braunschweiger Offiziersfamilie wurde während einer militärischen Abordnung seines Vaters zur niederländischen Garnison Maastricht daselbst am 19. Sept. 1791 geboren. Nach dem frühen Tod seines Vaters in Maastricht im Jahre 1793 wuchs er in Braunschweig auf, wo er 1803 Kadett wurde. Nach Integrierung des Herzogtums Braunschweig in das Königreich Westphalen wurde er 1810 als Leutnant in die westphälische Armee übernommen und 1812 im Alter von nur 20 Jahren zum Capitain (Hauptmann) im 3. Linien-Infanterie-Regiment befördert. Mit dieser Einheit nahm er 1812 am Russlandfeldzug Napoleons teil, über den er in seinem Tagebuch berichtet. Nach dem Zusammenbruch der napoleonischen Herrschaft und des Königreichs Westphalen wurde er 1813 Hauptmann in den neuformierten englisch-hannoverschen Verbänden, mit denen er am Norddeutschen Krieg 1813/14 und am Feldzug in die Niederlande 1814/15 teilnahm (worüber er gleichfalls Tagebuch führte). Bei Waterloo schwer verwundet starb er an den Folgen am 26. Jan. 1818 in Göttingen. Er war der letzte männliche Vertreter der Familie von Papet.

Beschreibung des Tagebuchs

Das Tagebuch hat einen dunklen geriffelten Rindsledereinband (72 kb) mit einem Format von 14 x 8 x 2,2 cm. Der hintere Einbanddeckel (71 kb) verlängert sich als Schutzkappe um die vordere Längsseite des Buches. Dort verjüngt sich der Einband zu einem ca. 3 cm breiten Lederband, das um das Buch herumführt und zur Befestigung auf der Rückseite durch eine Lederschlaufe gesteckt wird. In einem vorderen Fach enthält das Tagebuch ein mehrfach gefaltetes Blatt (96 kb), auf dem v. Papet handschriftlich das damals noch junge Gedicht (1795) von Ludwig Tieck "Melancholie" ("Schwarz war die Nacht...") festgehalten hat, das mit seiner düsteren Stimmung gut zum russischen Kriegswinter passt).

Dem Tagebuch vorgeklebt, als Leporello auf dreifache Größe ausziehbar, ist eine gedruckte "Vergleichungs-Tafel der Franken und Centimen gegen Conventions-Münze und Preussischen Courant" (92 kb) als Umrechnungshilfe.

Der auf der ersten leeren Seite von Hand geschriebene Name "Jean" (32 kb) ist nicht erklärbar. Auf den folgenden Seiten ist jeweils im linken Drittel ein gedruckter Monatskalender eingeklebt; rechts daneben sind von Hand die zugehörigen Ereignisse vermerkt (Januar (42 kb), Februar/März (55 kb), April/Mai (56 kb), Juni/Juli (60 kb), August/September (60 kb), Oktober/November (54 kb), Dezember (46 kb)). Diese Notizen dienten wohl als Gedächtnisstütze für das nachfolgende ausführliche Tagebuch, das (beidseitig beschrieben) 131 Seiten ausmacht.

Einige Seiten nach der letzten Eintragung über den Feldzug ist die zweite Strophe von Schillers Gedicht "Resignation" (62 kb) ("Auch ich war in Arkadien geboren...") eingetragen:

Solang die Parze meinen Faden spinnt
Soweit die Welle meines Lebens rinnt
Sollst Du mein einzig Träumen sein und Denken

und daran anschließend eine Passage aus Schillers Turandot (5. Aufzug 1. Auftritt)

Des Lebens Mai blüht ein mal und nicht wieder
Mir hat er abgeblüht.

Am Ende des Buches hat der Chronist, der wohl Französischunterricht nahm, französische Grammatikregeln und Vokabeln aufgeschrieben. Auf der letzten Seite ist mit Bleistift vermerkt: Prophet Jesaias Cap. 14 Vers 9 [Sturz des Königs von Babel], was sich wohl auf die Herausforderung des Schicksals durch Napoleons beziehen soll.

Das hintere Fach des Tagebuchs enthält eine Landschaftsskizze des Chronisten von der Beresina (82 kb). Ferner enthält dieses Fach ein zu einer Schnecke gerolltes Band (28 kb) in ein Papier eingeschlagen, das von einer Stecknadel (18 kb) zusammengehalten wird (Bedeutung unklar).

Zum Inhalt

Am 19. Mai 1812 trifft Theodor v. Papet bei Gòra südlich von Warschau auf sein Stammregiment, in dem ihm die Führung einer Voltigier-Kompanie zugewiesen wird. Sein Regiment gehört zum VIII. (westphälischen) Armeekorps, das mit dem V. (polnischen) Korps unter Poniatowski und dem VII. (sächsischen) Korps unter Reynier den unter dem Oberbefehl von König Jérome stehenden rechten Flügel der Grande Armee bildet. Anfang Juli setzt Jérome mit seiner Armee bei der litauischen Stadt Grodno über den Niemen und marschiert nach Russland ein (wenige Tage nach dem Übergang Napoleons mit der französischen Hauptmacht über den Niemen bei Kovno).

Die Franzosen hatten ihre Invasionsarmee wie folgt aufgestellt: Die erste Linie bildete die Zentralarmee von 450.000 Mann bestehend aus der kaiserlichen Garde und den Armeekorps Davout (I.), Oudinot (II.), Ney (III.) und Murat (Reiterreserve). Zu ihrer Unterstützung dienten die Korps Eugène (IV.) und Jérôme (VIII.). Das Korps Macdonald (X.) hatte die Nordflanke, das Korps Schwarzenberg (XII.) die Südflanke der Zentralarmee zu sichern. In der zweiten Linie standen 165.000 Mann als Verstärkungsreserve (Korps Victor (IX.) und Augerau (XI.)). In der dritten Linie blieben 60.000 Mann als Besatzung der Festungen in Preussen und Polen zurück.

Die Strapazen des Vormarsches mit schwierigsten Strassen-, Wetter- und Versorgungsbedingungen werden im Tagebuch nüchtern beschrieben. Hinter den Zeitangaben von bis zu 10-stündigen Märschen pro Tag verbergen sich oft Marschleistungen von ca. 50 km an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen. Am 19. August wird die erste Feindberührung notiert. Die Kompanie v. Papets ist sodann -abgesehen von ständigen Scharmützeln mit Kosacken- direkt oder am Rande an folgenden Gefechten beteiligt:

Auf dem Vormarsch: Schlacht von Smolensk (17. August), Schlacht von Moshaisk/Borodino (7.September), Einnahme von Moskau (14. September) Auf dem Rückzug: Schlacht von Viasma (3. November), Schlacht bei Krasnoye (17. November)

Moskau wird im Tagebuch nicht nur unter militärischen Aspekten, sondern auch als Kulturstadt beschrieben. Vom Rückmarsch ist die Beschreibung des Beresinaübergangs besonders eindrucksvoll. Wie die anderen Truppen der Franzosen und ihrer Zwangsverbündeten wurde auch die westfälische Streitmacht in Russland dezimiert. Von 24.000 Mann westfälischer (überwiegend hessischer) Truppen kehrten nur 600 Mann aus Russland zurück. Theodor v. Papet, der zu den wenigen Überlebenden gehörte, blieb der Soldatentod nicht erspart. Er starb 1818 an seinen bei Waterloo erlittenen Verletzungen.

Veröffentlichung

Theodor von Papet hatte keine Abkömmlinge. Sein Tagebuch wurde in der Familie seines Schwagers weitervererbt. Seine Schwester, Auguste von Papet, heiratete den braunschweigischen Capitain Friedrich Häusler (1780-1865), der sich auf verschiedenen Kriegsschauplätzen im Freiheitskampf gegen Napoleon auszeichnete. Das Tagebuch wird hier erstmals veröffentlicht.

Empfohlene Zitierweise:
Ditmar Haeusler: Einleitung - Tagebuch des Capitains Theodor von Papet über den Feldzug in Russland 1812, url: http://www.amg-fnz.de/index.php?site=papet1_einleitung