Arbeitskreis Militär und Gesellschaft in der frühen Neuzeit

Tagung zu Berlin
(7.-8.11.1997)

Der Arbeitskreis veranstaltet alle zwei Jahre eine Tagung zu grundlegenden Problemen der Militärgeschichte der Frühen Neuzeit. Im November 1997 fand in Berlin eine Tagung zu folgendem Thema statt:

Militär, Krieg und Geschlechterordnung im historischen Wandel.

Tagungsband
Bd. 3 Hagemann, Karen / Pröve, Ralf (Hrsg): Landsknechte, Soldatenfrauen und Nationalkrieger. Militär, Krieg und Geschlechterordnung im historischen Wandel, hg. v. Karen Hagemann und Ralf Pröve (= Geschichte und Geschlechter 26) Frankfurt/M 1998, 368 S., 39,90 Eur., ISBN: 3593361019.

Tagungsbericht von Karen Hagemann

Am 7. und 8. November 1997 trafen in Berlin erstmals im deutschsprachigen Raum WissenschaftlerInnen zweier Fachgebiete, die auf den ersten Blick wenig gemein haben - der Frauen- und Geschlechtergeschichte und der Militärgeschichte - auf einer Tagung zusammen. Das Colloquium wurde vom ,,Arbeitskreis für Militär und Gesellschaft in der Frühen Neuzeit e.V." und dem ,,Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung" an der Technischen Universität Berlin veranstaltet und von Dr. Karen Hagemann (TU Berlin) und Dr. Ralf Pröve (HU Berlin) organisiert und geleitet.

Ziel des Colloquiums, das weitestgehend von der VW-Stiftung finanziert wurde, war es, die an diesem Themengebiet interessierten Historikerinnen und Historiker aus den bisher weitgehend isoliert voneinander arbeitenden Gebieten der Geschlechtergeschichte und der Militärgeschichte zu einem Workshop zusammenzubringen, in dem der aktuelle Stand der Forschung im deutschsprachigen Raum für diese Zeit des grundlegenden Wandels im Militär- und Kriegswesen diskutiert, mögliche Fragestellungen für die zukünftige Forschung entwickelt und deren Methoden und Theorieansätze reflektiert werden sollten. Damit sollte dieses bisher von der Geschlechtergeschichte wie von der Millitärgeschichte nicht nur in Deutschland vernachlässigte Forschungsfeld befördert und zugleich die Relevanz geschlechtergeschichtlicher Fragestellungen für die Erforschung gesellschaftlich und politisch so bedeutender historischer Phänomene wie Militär und Krieg sichtbar gemacht und überprüft werden. Zugleich sollte das Colloqium den Historikerinnen und Historikern, die an laufenden Forschungsvorhaben zum Tagungsthema arbeiten, ein Forum zum intensiven Meinungs- und Erfahrungsaustausch bieten und für die weitere Forschungsarbeit ein Netz der intensiven Kommunikation knüpfen. Diese Vernetzung schien um so notwendiger, als der Forschungsgegenstand zwei bisher in der Regel getrennt arbeitende Forschungsfelder verknüpft.

Dieses Ziel hat das Colloquium nach einhelliger Meinung aller Teilnehmer vollauf erreicht. Insgesamt 40 WissenschaftlerInnen aus Australien, Deutschland, Großbritannien, Österreich, der Schweiz und den Vereinigten Staaten beschäftigten sich eineinhalb Tage lang intensiv mit einem national wie international bisher wenig bearbeiteten Thema. Die Tagungsreferate und deren Diskussion zeigten eindrucksvoll die Aktualität und wissenschaftliche Relevanz des Themas und räumten gründlich mit einer ganzen Reihe von Vorurteilen und überholten Vorannahmen auf.

So schon auf den ersten Blick mit der weit verbreiteten Vorstellung, daß die Militärgeschichte immer noch eine reine ,,Männersache" sei, die ausschließlich von Männern betrieben werde, die ihr Feld vornehmlich als ,,Männerdomäne" begreifen würden, und als Folge davon ausschließlich männliche Akteure in den Mittelpunkt ihrer Studien zu Militär und Krieg stellte, ohne deren Geschlecht, deren kulturell und sozial konstruierte Männlichkeit, deren Beziehungen als Männer zu anderen Männern wie zu Frauen zu thematisieren. Nicht nur die Tagungsteilnehmerlnnen waren zu gleichen Teilen Männer und Frauen, sondern auch die ReferentInnen, die alle aus laufenden oder gerade abgeschlossenen Forschungsvorhaben berichteten. Zu ihnen gehörten: Dr. Karen Hagemann, die den Einführungsvortrag zu einer ,,Militärgeschichte als Geschlechtergeschichte" hielt, Prof. Christine Anderson (University of Pennsylvania), die über ,,Geschlechterbilder im Kriegsbild der frühen Neuzeit" sprach, Prof. Regina Schulte (Ruhr-Universität Bochum), die über ,,Geschlechterbeziehungen im Dreißigjährigen Krieg" referierte, Dr. Jutta Nowosadtko (Universität Essen), deren Vortrag sich mit ,,Stehendem Heer und weiblicher Bevölkerung im 18. Jahrhundert" befaßte. (Als Gegenpol): Martin Lengwiler (Unversität Zürich), der ,,Soldatische Erziehung und Männlichkeit im 18. und frühen 19. Jahrhundert" betrachtete, Dr. Dirk Reder (Universität Köln), welcher sich mit den ,,Patriotischen Frauenvereinen während der Freiheitskriege 1813- 15" beschäftigte und Dr. Ralf Pröve (Humboldt Univ. Berlin), der das Thema ,,Civile Ordnungsformationen. Staatsbürgerschaft und Männlichkeit im Vormärz" behandelte. Den Herren Prof. Wilhelm Deist, ehemaliger Leiter des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, und Privatdozent Dr. Martin Dinges (Institut f. Geschichte der Medizin, Stuttgart) blieb das schwierige Geschäft vorbehalten, einen Schlußkommentar zu versuchen, was beiden glänzend gelang.

Die chronologisch geordneten Beiträge, deren historische Spannweite vom 16. bis zum 19. Jahrhundert reichte, zeigten ebenso wie deren angeregte Diskussion nicht nur, daß es mittlerweile eine ganze Reihe von vorrangig jüngeren Wissenschaftlern wie Wissenschaftlerinnen gibt, die sich ausgehend von verschiedenen Forschungsansätzen außerordentlich kompetent mit dem Thema befassen, sondern demonstrierten vor allem, welche Erkenntnisgewinne die systematische Integration geschlechtergeschichtlicher Fragestellungen für die Erforschung von Militär und Krieg bieten könnte. Vorausgesetzt, es wird Abschied genommen von überholten Vorstellungen wie der, daß ,,Geschlecht" etwas natürliches, primär biologisch begründetes sei, und alten Vorurteilen wie dem, daß Frauen auf Grund ,,ihrer Natur" per se friedlicher und friedliebender seien als Männer und deshalb vor allem Opfer von Militär und Krieg gewesen seien. Die Tagung zeigte einmal mehr, daß die Integration der Analysekategorie ,,Geschlecht" nur dann unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse erweitert, wenn Geschlecht als ,,sozio-kulturelle" Kategorie begriffen, d.h. als soziale und kulturelle konstruiert und damit zugleich immer politisch heftig umkämpft und umstritten verstanden wird. Nur dann kann einerseits gesehen werden, daß der gesellschaftliche Zwang ,,stark", ,,mutig" und ,,wehrhaft" zu sein, der durch langlebige normative Leitbilder auf Männer ausgeübt wird, für diese auch eine erhebliche Last sein konnte; was wohl nicht nur viele im Rahmen der neu eingeführten Allgemeinen Wehrpflicht zwangsweise rekrutierten Landwehrmänner während der Freiheitskriege 1813-15 so empfanden, sondern auch nicht wenige ,,Bürgerwehrmänner" während ihres Wachdienstes in der Zeit des Vormärz. Nur dann kommt andererseits in den Blick, daß es in der Geschichte immer auch Frauen gab, deren Handeln der Norm von der ,,Friedfertigkeit" und ,,Sanftheit" so gar nicht entsprach; wie beispielsweise das vieler ,,Trosserinnen" in den frühneuzeitlichen Söldnerheeren, die gemeinsam mit ihrem Partner ein Erwerbs- und Beutepaar bildeten und wenn es not tat ebenso plünderten wie ihre Männer, oder das der ,,Heldenjungfrauen", die in Männerkleidern auf Seiten aller Parteien in den napoleonischen Kriegen mitkämpften.

Deutlicher wurde nicht zuletzt aufgrund des die üblichen Epochengrenze überschreitenden Tagungszeitraumes auch, daß viele historische Phänomene, die die Menschen der Moderne als ,,neu" zu betrachten gewöhnt sind, sehr viel älter sind: Zu ihnen gehört die selbstverständliche Integration von Frauen in das Militär, die die Geschichte nicht erst seit dem Ersten und Zweiten Weltkrieg kennt, sondern in sehr viel umfangreicherer Form bereits in den Söldnerheeren des 16. und 17. Jahrhunderts, wo Frauen und Kinder bis zu einem Drittel des Trosses dieser Heere stellten. Erst an der Wende zum 19. Jahrhundert, im Zuge der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht gelang es, Obrigkeit und Heerführern im Interesse der Effizienz und Schlagkraft der neuen großen ,,Volksheere", den Troß drastisch zu verkleinern und das Militär für ein Jahrhundert zu einem weitgehend ,,frauenfreien" Raum zu machen. Auf die Frage, welche Auswirkungen dieser Entwicklung für das Geschlechterverhältnis hatte, konnte indes aufgrund des Forschungsstandes nur eine ebenso vorläufige Antwort gegeben werden, wie auf viele andere Fragen der Diskussion.

Am Ende waren sich deshalb alle TeilnehmerInnen in ihrer Hoffnung einig, daß die Tagung nur ein Anfang gewesen sein kann. Um breitere Kreise der Öffentlichkeit zu informieren und weitere Forschungen anzuregen, ist deshalb die Publikation eines Tagungsbandes geplant. Dieser wird herausgegeben von Ralf Pröve und Karen Hagemann und soll im Herbst 1998 in der Reihe ,,Geschichte und Geschlecht" des Campus-Verlages erscheinen. Die überarbeiteten Vorträge der Tagung werden ergänzt durch weitere einschlägige Beiträge und sollen somit auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich sein. Dies erscheint den Veranstaltern deshalb so wichtig, weil die Nachfrage nach einer Teilnahme am Colloquium bei weitem die Zahl der im Interesse der Tagungsdiskussion begrenzten Zahl der Plätze übertraf. Um die wissenschaftliche Diskussion fortzuführen wird derzeit über eine Folgeveranstaltung nachgedacht, die vom ,,Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung" der TU Berlin und dem Freiburger ,,Arbeitskreis zur Militärgeschichte e.V." veranstaltet werden soll. Anknüpfend an die Diskussion des im November 1997 veranstalteten Colloquiums sollte der zeitliche Schwerpunkt dieser Tagung auf dem 20. Jahrhundert liegen.spannenden Frage nach dem Verhältnis von Stadtbevölkerung und Militär unter den außergewöhnlichen Bedingungen von Belagerungen im 18. Jahrhundert. Selbst unter den Zwängen gesteigerter kriegsbedingter Gewaltsamkeit gelang es der Bevölkerung in der frühen Neuzeit Überlebensstrategien zu entwickeln, die es ihr ermöglichten, selbst extreme Übergriffe nicht nur zu überstehen, sondern auch ihrerseits aktiv auf die Kriegführung einzuwirken.

In der Schlußdiskussion wurden die Ergebnisse der einzelnen Sektionen von den jeweiligen Betreuern zusammengefaßt und miteinander verknüpft. Ergänzende Kommentare von H. Schilling (Berlin) und H. Eichberg (Kopenhagen) hoben hervor, daß die Erforschung von Militär und Gesellschaft aus dem Ghetto einer historischen Spezialwissenschaft heraustreten und als konstitutiver Bestandteil der sozialen Wirklichkeit der alteuropäischen Gesellschaft begriffen werden muß. Wenn diese Verbindung nicht erkannt wird, so die zentrale Botschaft der Tagung, läuft die Forschung Gefahr, daß sich ein in wesentlichen Teilen unvollständiges Bild der frühen Neuzeit verfestigt.

Die Tagung hat nachdrücklich die Bedeutung der Erforschung von Militär und Gesellschaft in der frühen Neuzeit herausgestellt. Dabei war allen Teilnehmern bewußt, daß mit dem Thema nur ein begrenzter, aber gleichwohl zentraler Aspekt der Militärgeschichte abgehandelt werden konnte. Aus dem Teilnehmerkreis wurde daher angeregt, gegebenenfalls weitere Tagungen zu anderen Schwerpunkten der Militärgeschichte (so zum Beispiel Militär und Ökonomie, Militär und Kirche, Militärtechnik und Kriegführung, Militär und Aufklärung, Militär und Staat oder etwa Militärrecht und Militärmedizin) zu veranstalten. Um diesem Forschungsfeld im Rahmen der gesamten Frühneuzeitforschung einen, seinem Gewicht angemessenen Platz zu verschaffen, wurde im Zuge der Tagung ein Arbeitskreis "Militär und Gesellschaft in der frühen Neuzeit" konstituiert. Das Gremium, das zunächst kommissarisch B.R. Kroener und R. Pröve mit der Fortführung der Arbeiten beauftragt hat, kam überein, auf dem kommenden Historikertag 1996 in München die zu wählende feste Organisationsform zu beraten. Das weit über die Zahl der Teilnehmer hinausgreifende Interesse an einer Mitwirkung am Arbeitskreis läßt hoffen, daß die wissenschaftliche Beschäftigung mit Militär und Gesellschaft in der frühen Neuzeit über den Enthusiasmus dieser Veranstaltung hinaus zukünftig eine breitere Aufmerksamkeit erhalten wird.