Arbeitskreis Militär und Gesellschaft in der frühen Neuzeit

Tagung zu Gießen
(10.-12.09.2009)

Der Arbeitskreis veranstaltet alle zwei Jahre eine Tagung zu grundlegenden Problemen der Militärgeschichte der Frühen Neuzeit. Im September 2009 fand in Gießen eine Tagung zu folgendem Thema statt:

„Militärische Erinnerungskulturen vom 14. bis zum 19. Jahrhundert“

Gemeinsame Tagung des Arbeitskreises Militär und Gesellschaft in der Frühen Neuzeit und des Teilprojektes B 10 des SFB 434 „Erinnerungskulturen“ (Gießen)im Gästehaus der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Tagungsbericht

Einen Tagungsbericht können Sie bei H-Soz-u-Kult einsehen.

Konzeption

Erinnerungen an eine gemeinsame Geschichte, Vergangenheitsbezüge und Traditionsbildung stiften Gemeinschaft, sie verschaffen Kollektiven eine Identität und die Möglichkeit, sich gegenüber anderen gesellschaftlichen Gruppierungen abzugrenzen. Gerade für das Militär, wie es sich in der Frühen Neuzeit als eigene gesellschaftliche Formation ausdifferenzierte, lässt sich der Zusammenhang von kollektiver Identität und einer eigenen Erinnerungskultur besonders deutlich akzentuieren – noch die „Traditionserlässe“ der Bundeswehr verweisen darauf, welch hohe Bedeutung gerade in der gesellschaftlichen Gruppierung des Militärs Traditionsstiftungen für die Grundlegung einer eigenen Identität beigemessen wird. Der Zusammenhang von kollektiven Identitäten und Erinnerungskulturen ist vor allem von der mediävistischen Memoria-Forschung früh herausgearbeitet worden; diese Interdependenz tritt in der Frühen Neuzeit noch deutlicher hervor, weil die identitätsstiftenden Erinnerungskulturen sozialer Gruppen sich der Dynamik einer sich im 18. Jahrhundert zunehmend ausdifferenzierenden Gesellschaft nicht entziehen konnten. Dies gilt auch für das Militär, dessen Angehörige mit der Herausbildung der Stehenden Heere sowie deren Monarchisierung und später Nationalisierung eine spezifische Gruppenidentität ausbildete – am ausgeprägtesten wohl in Preußen.

Die gesellschaftliche Dynamik der Sattelzeit ließ überkommene Vergangenheitsbezüge fragwürdig oder in zunehmendem Maße anachronistisch erscheinen. Angesichts der politischen Umwälzungen mussten auch neue Traditionen in Gestalt neuer Eigengeschichten konstruiert werden, in denen militärische Erinnerungskulturen eine bedeutende Rolle spielten. Dies betraf freilich nicht nur militärische Einheiten oder Organisationen, die sich im Rahmen einer verstärkten Professionalisierung auch zunehmend ihrer eigenen Traditionen und Vergangenheitsbezüge versicherten. Auch die Geschichtskonstruktionen  übergreifender Kollektive, namentlich des zunehmend dominierenden Kollektivs der Nation, nahmen in ihre identitätsstiftenden Geschichtskonstruktionen bevorzugt prägende militärische Ereignisse oder spezifisch militärische Traditionsbildungen auf. „Militärische Erinnerungskulturen“ bezeichnen deshalb sowohl die Konstruktion von Eigenidentitäten des Militärs als spezifischer Gruppierung als auch den Stellenwert militärischer Vergangenheitsbezüge für einen allgemeinen Umgang der jeweiligen Gesellschaften mit Geschichte.

Das Thema „militärische Erinnerungskulturen“ schlägt einen Bogen vom Spätmittelalter bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Zugleich steht die Tagung des Arbeitskreises „Militär und Gesellschaft“ in der Kontinuität der vorherigen Tagungen, die jeweils spezifisch militärgeschichtliche Fragestellungen in den Kontext allgemeiner sozial- oder kulturgeschichtlichen Entwicklungen und Tendenzen der Geschichtswissenschaften gestellt haben. Angeknüpft wird an aktuelle kulturgeschichtliche Diskussionen um Gedächtnis und Identität, wie sie im Gießener SFB „Erinnerungskulturen“ vorangetrieben worden sind. In diesen Kontext gehören schließlich auch Repräsentationen frühneuzeitlicher Militärgeschichte und Traditionsbildung, wie sie gegenwärtig in Museums- und Ausstellungskonzeptionen zu Krieg und Militär in der frühen Neuzeit eine vor wenigen Jahren noch unvermutete Konjunktur erfahren.

Tagungsleitung:

Prof. Dr. Horst Carl

Prof. Dr. Ute Planert