Arbeitskreis Militär und Gesellschaft in der frühen Neuzeit

Tagung zu Potsdam
(25.-27.5.1995)

Der Arbeitskreis veranstaltet alle zwei Jahre eine Tagung zu grundlegenden Problemen der Militärgeschichte der Frühen Neuzeit. Im Mai 1995 fand in Potsdam eine Tagung zu folgendem Thema statt:

Cives ac Milites. Militär und Gesellschaft im 17. und 18. Jahrhundert.

Tagungsband
Bd. 3 Kroener, Bernhard R. / Pröve, Ralf (Hrsg.): Krieg und Frieden. Militär und Gesellschaft in der Frühen Neuzeit, Paderborn 1996, 353 S., 39.90 Eur, br., ISBN: 3506748254.

Tagungsbericht von Bernhard R. Kroener und Ralf Pröve

Die von Bernhard R. Kroener (Freiburg) und Ralf Pröve (Berlin) veranstaltete und von der Universität Potsdam, der Humboldt-Universität zu Berlin und dem Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Potsdam getragene Symposion fand vom 25. bis 27. Mai 1995 in Potsdam-Neufahrland statt. Als Tagungsort war das ehemalige Wohnhaus der Familie Siemens, jetzt die Akademie für öffentliche Verwaltung des Landes Brandenburg gewählt worden. Der großzügige, aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts stammende Bau, idyllisch inmitten einer großen Parkanlage ge legen, sicherte der Tagung bei ausgezeichneten Witterungsbedingungen ein positives Ambiente. Bis zu 60 Teilnehmer widmeten sich in vier Sektionen konzentriert den neuesten Forschungsergebnissen zum Verhältnis von Militär und Gesellschaft in der frühen Neuzeit, die Diskussion verlief lebhaft und kontrovers, jedoch immer sachlich. Dies war nicht zuletzt darauf zurückzuführen, daß die Autoren in ihren Aufsätzen ausnahmslos auf hohem Niveau bisher unbeachtet gelassene Quellenbestände ausgewertet, neue Fragestellungen thematisiert und anspruchsvolle methodische Ansätze vorgeführt haben. Dabei zeigte sich, daß die Praxis, die Beiträge vorab an die Teilnehmer zu versenden, eine äußerst intensive Vorbereitung garantierte. Deshalb konnten die Referate thesenartig auf 15 Minuten zugespitzt und so mehr Raum zur Aussprache gewonnen werden. Den Sektionsleitern oblag es, durch verbindende Kommentare weiterführende Fragestellungen und übergeordnete Problemlagen zu skizzieren.

Die gemeinsame Unterbringung der Tagungsteilnehmer gewährleistete intensive abendliche Diskussionsrunden, die dem persönlichen fachlichen Kontakt vor allem der jungen Forscher untereinander förderlich war. Die Kombination von erfahrenen Kollegen mit Nachwuchswissenschaftlern erwies sich in jeder Hinsicht als gelungen.

In der ersten Sektion 'Lasten mit dem Stehenden Heer: Verwaltung und Alimentierung' stand das Thema Kriegsfinanzierung und Militäradministration im Mittelpunkt. Unter der Leitung von H. Neuhaus (Erlangen-Nürnberg) skizzierte K. Krüger (Rostock) die reichsrechtlichen Grundlagen der Kriegsfinanzierung vornehmlich im 16. Jahrhundert, während N. Winnige (Göttingen) die Militärfinanzierung als zentrale Antriebskraft frühmoderner Steuerpolitik im 17. und 18. Jahrhundert vorstellte. H. Schmidt (München) lieferte einen spannenden Vergleich zwischen der Militärverwaltungspraxis in Frankreich und verschiedenen Reichsterritorien. Die anschließende Diskussion wandte sich in erster Linie der Frage zu, ob und in welchem Umfang die Epochenschwelle 1648 auch für den Bereich der Kriegsfinanzierung und für die Entwicklung des Instrumentariums frühneuzeitlicher Militärverwaltung Geltung beanspruchen kann. Die einzelnen Beiträge tendierten zu einer eher die langfristigen Entwicklungslinien und Kontinuitäten betonenden Einschätzung.

In der zweiten Sektion, die unter dem Titel 'Der Soldat als Partner und Konkurrent im Arbeitskampf' stand, wurden unter der Moderation von M. Dinges (Stuttgart) unterschiedliche methodische Ansätze und thematische Zugänge zu diesem sehr komplexen Bereich diskutiert. Während M. Rogg (Freiburg) die historische Bildkunde für die Interpretation von Soldatendarstellungen im 16. Jahrhundert nutzbar machte, widmete sich R. Pröve (Berlin) vor dem Hintergrund des Einquartierungssystems den vielfältigen sozialen und ökonomischen Wechselbeziehungen zwischen Militärbevölkerung und städtischer Gesellschaft vornehmlich im 18. Jahrhundert. M. Meumann (Halle) zeigte in Ergänzung die Folgen militärischer Ehebeschränkungen am Beispiel von Soldatenfamilien und nichtehelichen Kindern als Problem obrigkeitlicher und städtischer Armenfürsorge auf. Der Begriff des Arbeitskampfes führte die Diskussion rasch auf die Frage nach der dichotomischen Intensität des Verhältnisses von Militär und Gesellschaft vor allem in den Städten. Es wurde festgestellt, daß im Gegensatz zur herkömmlichen Forschung für die gesamte Epoche eine erstaunliche Nähe, wenn nicht sogar ein wechselseitiger funktionaler Austausch zwischen Bevölkerung und Militär bestanden hat. Das bedeutet, daß selbst unter den Bedingungen der frühneuzeitlichen Ständegesellschaft eine eindeutige Trennung zwischen den beiden Gruppen nicht gegeben war.

H. Wellenreuther (Göttingen) betreute die dritte Sektion 'Militär und Gesellschaft im Frieden'. Da die herkömmliche Militärgeschichte die Existenzbedingungen des Militärs im Frieden bisher eher nur am Rande wahrgenommen hat, stand in dieser Sektion die vor allem für das 18. Jahrhundert zunehmend an Bedeutung gewinnende alltägliche Lebensgestaltung im Mittelpunkt der einzelnen Beiträge. Unter diesem Aspekt widmeten sich J. Kloosterhuis (Münster) und H. Harnisch (Berlin) den Voraussetzungen und Auswirkungen des preußischen Kantonsystems, wobei sie erstaunliche Übereinstimmungen zwischen den westlichen Provinzen der Monarchie und den mittleren Kammerdepartements feststellten. Anhand umfangreicher Quellenbestände differenzierten sie das bisherige von Otto Büsch geprägte Bild über die durchweg negativen Begleiterscheinungen der preußischen Rekrutierungspraxis. P. Burschel (Freiburg) referierte über die Entstehung eines neuen Söldnertyps im 17. Jahrhundert, wobei er auf innermilitärische Disziplinierungsprozesse einging. In diese Richtung zielten auch die Erörterungen von M. Sikora (Köln), der am Beispiel des Phänomens Desertion im 18. Jahrhundert den Nachweis erbrachte, daß dieses in der Forschung des 19. Jahrhunderts so herausgestellte Strukturmerkmal frühmoderner Heere zumindest in Friedenszeiten nur in der Größenordnung von 1-2% der jeweiligen Truppenstärke auftrat. Eine soziologische Analyse militärischer Disziplinierung lieferte U. Bröckling (Freiburg), der sich speziell den binnenmilitärischen Machtmechanismen von Effizienz, Entzug und Widerstand widmete. Die nachfolgende Aussprache konzentrierte sich schon bald auf die beiden zentralen Forschungsparadigmen 'Sozialdisziplinierung' und 'soziale Militarisierung', die in den Beiträgen zum Teil deutlich in Frage gestellt worden waren. Vor allem in langen Friedensjahren, in denen die Soldaten mehrheitlich nichtmilitärischen Tätigkeiten nachgingen, entstanden verschiedene Formen des Zusammenlebens und der Kooperation. Für diese Entwicklung wurde der Begriff 'Verbürgerlichung' angeboten und kontrovers diskutiert.

Die abschließende vierte Sektion, die unter der Leitung von J. Kunisch (Köln) stand, widmete sich dem Verhältnis von 'Militär und Gesellschaft im Krieg' und damit dem traditionellen Untersuchungsfeld der Militärgeschichte. Die Verortung des Soldaten im gelehrten Diskurs des 16. Jahrhunderts und die Abbildung ständischer Distinktionen in den frühen Landsknechtsheeren bildeten den Gegenstand der Ausführungen von B. Bei der Wieden (Stade), wobei er dem Militär den Charakter einer spiegelbildlich angelegten Nebengesellschaft zuschrieb. Daran schloß sich eine Darlegung von M. Kaiser (Köln) über die Bevölkerung als militärischer Faktor und Kriegsteilnehmer im Dreißigjährigen Krieg an. Er skizzierte den Stellenwert der Bevölkerung im Kalkül der Fürsten und militärischen Befehlshaber, wobei er betonte, daß selbst in den blutigsten Phasen des Krieges die Sorge um die Bevölkerung als Garant der militärischen Versorgung nicht vollständig marginalisiert werden konnte. Das Schicksal der preußischen Westprovinzen im Siebenjährigen Krieg war Gegenstand des Vortrages von H. Carl (Tübingen), der das weithin spannungsfreie Miteinander von französischen Besatzungstruppen und Bevölkerung sowie den im Vergleich zu früheren Epochen erstaunlich geringen Umfang von unmittelbaren Ausschreitungen bei gleichzeitig intensiverer Ausbeutung hervorhob. D. Hohrath (Trier) äußerte sich zu der spannenden Frage nach dem Verhältnis von Stadtbevölkerung und Militär unter den außergewöhnlichen Bedingungen von Belagerungen im 18. Jahrhundert. Selbst unter den Zwängen gesteigerter kriegsbedingter Gewaltsamkeit gelang es der Bevölkerung in der frühen Neuzeit Überlebensstrategien zu entwickeln, die es ihr ermöglichten, selbst extreme Übergriffe nicht nur zu überstehen, sondern auch ihrerseits aktiv auf die Kriegführung einzuwirken.

In der Schlußdiskussion wurden die Ergebnisse der einzelnen Sektionen von den jeweiligen Betreuern zusammengefaßt und miteinander verknüpft. Ergänzende Kommentare von H. Schilling (Berlin) und H. Eichberg (Kopenhagen) hoben hervor, daß die Erforschung von Militär und Gesellschaft aus dem Ghetto einer historischen Spezialwissenschaft heraustreten und als konstitutiver Bestandteil der sozialen Wirklichkeit der alteuropäischen Gesellschaft begriffen werden muß. Wenn diese Verbindung nicht erkannt wird, so die zentrale Botschaft der Tagung, läuft die Forschung Gefahr, daß sich ein in wesentlichen Teilen unvollständiges Bild der frühen Neuzeit verfestigt.

Die Tagung hat nachdrücklich die Bedeutung der Erforschung von Militär und Gesellschaft in der frühen Neuzeit herausgestellt. Dabei war allen Teilnehmern bewußt, daß mit dem Thema nur ein begrenzter, aber gleichwohl zentraler Aspekt der Militärgeschichte abgehandelt werden konnte. Aus dem Teilnehmerkreis wurde daher angeregt, gegebenenfalls weitere Tagungen zu anderen Schwerpunkten der Militärgeschichte (so zum Beispiel Militär und Ökonomie, Militär und Kirche, Militärtechnik und Kriegführung, Militär und Aufklärung, Militär und Staat oder etwa Militärrecht und Militärmedizin) zu veranstalten. Um diesem Forschungsfeld im Rahmen der gesamten Frühneuzeitforschung einen, seinem Gewicht angemessenen Platz zu verschaffen, wurde im Zuge der Tagung ein Arbeitskreis "Militär und Gesellschaft in der frühen Neuzeit" konstituiert. Das Gremium, das zunächst kommissarisch B.R. Kroener und R. Pröve mit der Fortführung der Arbeiten beauftragt hat, kam überein, auf dem kommenden Historikertag 1996 in München die zu wählende feste Organisationsform zu beraten. Das weit über die Zahl der Teilnehmer hinausgreifende Interesse an einer Mitwirkung am Arbeitskreis läßt hoffen, daß die wissenschaftliche Beschäftigung mit Militär und Gesellschaft in der frühen Neuzeit über den Enthusiasmus dieser Veranstaltung hinaus zukünftig eine breitere Aufmerksamkeit erhalten wird.