Arbeitskreis Militär und Gesellschaft in der frühen Neuzeit

Lebenswelt – Gewaltökonomie – Herrschaftsinstrument: Was bedeutet „Militär“ in der Frühen Neuzeit?

10. Tagung des Arbeitskreises Militär und Gesellschaft in der Frühen Neuzeit e.V.
Zugleich Ehrenkolloquium zum 65. Geburtstag von Bernhard R. Kroener

Tagungsbericht

Einen Tagungsbericht können Sie bei H-Soz-u-Kult einsehen.

Konzeption

Vor nahezu zwanzig Jahren – in manchen nationalen Historiographien etwas früher, in anderen etwas später – hat sich nach zum Teil jahrzehntelanger Marginalisierung des Gegenstandes seitens der akademischen Geschichtsschreibung in ganz Europa (und darüber hinaus) eine „neue Militärgeschichte“ formiert. Grundlegend für diese im Zeichen der beginnenden „kulturwissenschaftlichen Wende“ stehende Entwicklung sind die fruchtbare Aufnahme innovativer Forschungsansätze etwa aus der Kulturanthropologie, der Soziologie oder den Literaturwissenschaften, eine theoretisch reflektierte Vorgehensweise, Methodenpluralismus sowie nicht zuletzt die Erschließung bisher ungenutzter bzw. unbeachteter Quellenbestände.

Insbesondere die bis dahin weniger beachtete bzw. ausschließlich in den Bahnen nationalstaatlich geprägter Narrative des 19. und frühen 20. Jahrhunderts verstandene Geschichte des Militärs in der Frühen Neuzeit hat von dieser Entwicklung enorm profitiert und zugleich das Profil der „Neuen Militärgeschichte“ entscheidend mitgeprägt. Ein Hauptaugenmerk der Forschung lag dabei zunächst auf der Ausleuchtung der Lebenswelt des „Militärs“, wobei unter „Lebenswelt“ die gesamte Lebenslage eines Menschen, also dessen materielle wie auch immaterielle Lebensbedingungen, zu verstehen ist. Die Funktionsweise des Einquartierungssystems, die Praxis von Anwerbung und Rekrutierung, soziale Interaktionen in militärischen und nichtmilitärischen Räumen, die Eigenwahrnehmung der Soldaten, Alltag und materielle Lebensbedingungen waren dabei ebenso von Interesse wie die literarische und künstlerische Reflexion des Militärs, Geschlechterkonstruktionen und ‑zuweisungen, Handlungsoptionen und Marktchancen oder die Vermengung der Lebenswelten von Adel, Stadtbürgertum oder der ländlichen Bevölkerung mit derjenigen des Militärs. Darüber hinaus ist gerade in den letzten Jahren der Stellenwert von Gewalt im Rahmen militärischer Lebenswelten der Frühen Neuzeit neu vermessen worden. Dabei erfuhr zum einen die „eigentliche Aufgabe“ des Militärs, also die Ausübung organisierter Gewalt im Krieg, neues Interesse im Rahmen einer umfassenden „Kulturgeschichte der Schlacht“, die auch die kulturellen Prägungen und Umstände militärischer Gewaltausübung in den Blick nimmt, indem sie beispielsweise die Körperwahrnehmungen der Beteiligten und die Bedeutung symbolischer Handlungsweisen in die Analyse einbezieht. Zum anderen ist dabei verstärkt die ökonomische Seite organisierter Gewalt in den Blick geraten, die materiellen und symbolischen Funktionen von Beutenahme und Plünderung ebenso wie die materielle Organisation von Kriegführung und Heeresaufbringung. Das frühneuzeitliche Militär als „Gewaltgemeinschaft“ erscheint somit nicht zuletzt als ökonomische Profit- und Überlebensgemeinschaft, in der sich ganze Bevölkerungsteile – und zwar mitnichten nur Männer – für einen bestimmten Zeitraum zusammengeschlossen hatten.

Anhand der Ergebnisse, die in den letzten Jahren mit diesen Zugängen gewonnen werden konnten, lässt sich in letzter Konsequenz vermuten, dass das Militär der Frühen Neuzeit keineswegs ein selbständiges, gar abgeschottetes und sich selbst reproduzierendes System im modernen Sinn darstellte. Vielmehr deuten zahlreiche Indizien darauf hin, dass die scheinbaren Grenzen von Militär und Zivilgesellschaft in der Frühen Neuzeit viel durchlässiger waren als bisher angenommen, dass sich „militärische“ und „zivile“ Lebenswelten überschnitten und überlagerten. Zugleich wird immer deutlicher, dass unbedingt zwischen quellensprachlichen Repräsentationen des Militärischen in der Frühen Neuzeit auf der einen und dem etablierten Forschungsbegriff „Militär“ auf der anderen Seite getrennt werden muss, da in letzterem nach wie vor vielfältige Vorannahmen und Narrative aus dem 19. und 20. Jahrhundert präsent sind, die angesichts der skizzierten Ergebnisse neuerer Forschungen dringend weiterer Differenzierung und Relativierung bedürfen.

Der „Arbeitskreis Militär und Gesellschaft in der Frühen Neuzeit e.V.“ hat seit seiner Gründung 1995 die Entwicklung der „Neuen Militärgeschichte“ in Deutschland maßgeblich eingeleitet und befördert. Anlässlich der 10. Tagung des AMG und des 65. Geburtstages seines langjährigen Vorsitzenden Bernhard R. Kroener im März 2013 erscheint es daher angebracht, in einem international vergleichenden Zugriff die Ergebnisse und Perspektiven der Forschungsanstrengungen der letzten beiden Jahrzehnte zu diskutieren sowie die Frage nach der sozialen, wirtschaftlichen, kulturanthropologischen und lebensweltlichen Einordnung des Militärs in der Frühen Neuzeit neu zu stellen. Dafür sollen am Beispiel der wichtigsten militärischen Mächte in Europa, aber auch in Asien die wichtigsten Forschungsergebnisse der letzten Jahre resümiert und auf ihre Bedeutung für unser Verständnis von „Militär“ in der Frühen Neuzeit hin befragt werden.

Tagungsflyer