Arbeitskreis Militär und Gesellschaft in der frühen Neuzeit

Tagung zu Rostock
(8.-9.10.1999)

Der Arbeitskreis veranstaltet alle zwei Jahre eine Tagung zu grundlegenden Problemen der Militärgeschichte der Frühen Neuzeit. Im Oktober 1999 fand in Rostock eine Tagung zu folgendem Thema statt:

Militär und ländliche Gesellschaft in der frühen Neuzeit.

Tagungsband
Bd. 1 Kroll, Stefan / Krüger, Kersten (Hrsg.):
Militär und ländliche Gesellschaft in der frühen Neuzeit
Bd. 1, 2000, 392 S., 25.90 EUR, br., ISBN 3-8258-4758-6.

Tagungsbericht von Stefan Kroll

Am 8. und 9. Oktober 1999 veranstaltete der "Arbeitskreis Militär und Gesellschaft in der Frühen Neuzeit e. V." gemeinsam mit dem Historischen Institut der Universität Rostock, Professur für Geschichte der Frühen Neuzeit, sein 3. Forschungskolloquium. Die wissenschaftliche Leitung und die Organisation der von der Oestreich-Stiftung und der Ostsee Sparkasse Rostock finanziell geförderten Veranstaltung lagen in den Händen von Kersten Krüger und Stefan Kroll. An der Veranstaltung, die in angenehmer Atmosphäre im Konzilzimmer der Universität Rostock durchgeführt wurde, nahmen insgesamt 45 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Japan, Großbritannien, Österreich, der Schweiz und Deutschland teil. Nachdem die erste Tagung des Arbeitskreises 1995 in Potsdam eine Bestandsaufnahme neuerer Forschungsansätze zum Verhältnis von militärischer und ziviler Gesellschaft in der frühen Neuzeit geleistet hatte und das zweite Kolloquium 1997 in Berlin einem spezielleren Thema, nämlich Militär, Krieg und Geschlechterordnung im historischen Wandel des 16.-19. Jahrhunderts gewidmet war, ging es dieses Mal um "Militär und ländliche Gesellschaft in der frühen Neuzeit". Damit wurde thematisch ein Bereich angesprochen, der zumindest im deutschsprachigen Raum unter den neueren Fragestellungen der Sozial-, Wirtschafts-, Kultur- und Alltagsgeschichte noch wenig erforscht ist. Die elf Vorträge wurden von zumeist jüngeren Wissenschaftlern gehalten, die überwiegend Ergebnisse laufender oder kürzlich abgeschlossener Forschungsvorhaben vorstellten. Regional wurde über den Kernbereich deutscher Territorialstaaten hinaus neben der Schweiz und Schweden vor allem die Habsburgermonarchie besonders berücksichtigt.

Das Einführungsreferat hielt Rainer Wohlfeil (Hamburg). Er skizzierte die Entwicklung der historischen Disziplin, die in Deutschland seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges als "Militärgeschichte" bezeichnet wird und ging dabei auch auf ihre vorangegangene wehrpolitische Instrumentalisierung unter der Bezeichnung "Kriegs-" und "Wehrgeschichte" ein. Gegen den vor kurzem von Michael Geyer gemachten Vorschlag, Militärgeschichte "als historische Soziologie von Gewaltverhältnissen" zu verstehen, blieb Wohlfeil bei seiner Position, wonach Gegenstand der Militärgeschichte das Militär sein müsse, dem man sich mit einem klar umrissenen Erkenntnisinteresse zu nähern habe. Erster Referent zum engeren Thema der Tagung war Werner Meyer (Basel), der sich mit Eidgenössischem Solddienst und Wirtschaftsverhältnissen im Schweizerischen Alpenraum um 1500 befasste. Anhand zeitgenössischer Bilddarstellungen verdeutliche Meyer auch die kultur- und mentalitätsgeschichtliche Dimension seines Themas. Michael Kaiser (Köln) ging in seinem Vortrag "Söldner gegen Bauer: Zur Frage eines sozialen Antagonismus im Dreißigjährigen Krieg" vorrangig der Frage nach, welche Verhaltensmuster den Umgang beider sozialer Gruppen bestimmten. Er warnte dabei vor einseitigen Interpretationen: weder dürfte es einen eindeutigen sozialen Grundkonflikt gegeben haben noch war ausschließlich die Not der Verhältnisse für die häufigen Gewalttätigkeiten und Zerstörungen verantwortlich. Michael Busch (Hamburg) stellte einige Ergebnisse seiner kürzlich abgeschlossenen Dissertation über das schwedische "Indelningsverk" unter Karl XI. in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts vor. In den Mittelpunkt rückte er dabei das vielschichtige Verhältnis zwischen den eingeteilten Soldaten und den sie ausrüstenden Bauern. Der Eingeteilte spürte sein Soldatsein im Frieden nur anlässlich der gelegentlichen Übungen, blieb ansonsten aber ein vollwertiges Mitglied der dörflichen Gemeinschaft. Martin Schennach setzte sich mit dem "Verhältnis der Tiroler Bevölkerung zu den einheimischen und verbündeten Truppen in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts" auseinander. Gegen die Ausschreitungen der Landsknechte standen der Bevölkerung drei Möglichkeiten zur Verfügung: die Flucht in die Berge, bewaffneter Widerstand oder Beschwerden an die militärische bzw. zivile Obrigkeit. Die Auseinandersetzungen waren nicht zuletzt deshalb so heftig, weil der gemeine Mann selten die Notlage des vielfach unzureichend versorgten und verpflegten Söldners anerkannte. Die Zentralbehörden nahmen in Tirol zumeist eine vermittelnde Position ein. Die Rolle und vor allem die Kriegserfahrungen von Beamten waren auch Gegenstand des kurzfristig aufgenommenen und daher knapperen Vortrags von Frank Kleinehagenbrock (Heilbronn). Am Beispiel der dem Fränkischen Reichskreis angehörenden Grafschaft Hohenlohe ermittelte Kleinehagenbrock für die Beamten eine Funktion als "Scharnier zwischen Untertanen, Herrschaft und Militär".

Der zweite Tag der Veranstaltung begann mit einer kurzen Vorstellung des Tübinger Sonderforschungsbereichs "Kriegserfahrungen" durch Horst Carl (Tübingen). Anschließend referierte Max Plassmann (Stuttgart) über "Landbevölkerung, Obrigkeiten und Krieg in Südwestdeutschland (1688-1713)". Sein Hauptaugenmerk galt zunächst den vielschichtigen Belastungen, denen die Landbevölkerung im Kriegsfall ausgesetzt war. Neben gewaltsamen Übergriffen, die in den meisten Fällen auf mangelnde Disziplin zurückzuführen waren und dementsprechend von der militärischen Führung bekämpft wurden, zählten dazu u. a. zusätzliche Steuerlasten, Schanzarbeiten, Fuhrdienste und die Stellung von Quartieren. Auf der anderen Seite war es Teilen der Zivilbevölkerung aber auch möglich, wirtschaftliche Vorteile aus der verstärkten Nachfrage des Militärs nach Nahrungsmitteln, handwerklichen Produkten und anderen Dingen des täglichen Bedarfs zu ziehen. Darüber hinaus wurden im Vortrag Strategien zur Abstellung der aufgezeigten Missstände analysiert. Von einer "Zähmung der Bellona" konnte zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Südwestdeutschland jedenfalls noch keine Rede sein, bilanzierte Plassmann. Michael Hochedlinger (Wien) befasste sich mit Fragen der "Rekrutierung und Militarisierung der (ländlichen) Gesellschaft in der Habsburgermonarchie", vorrangig im 18. Jahrhundert. Verglichen mit dem preußischen Modell war Österreich trotz ernsthafter Reformbemühungen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts noch weit entfernt von einer "Militarisierung" der Gesellschaft. Mitentscheidend dafür dürfte gewesen sein, dass - anders als in Preußen - sowohl Bauernstand als auch Adel dem Militär skeptisch bis ablehnend gegenüberstanden. Im Mittelpunkt des Vortrags von Martin Rink (Karlsruhe) über "Die noch ungezähmte Bellona - Der kleine Krieg und die Landbevölkerung im 18. Jahrhundert" standen die leichten Truppen: Husaren, Ulanen, Kosaken und österreichische Grenzmilizen. Beweglich, logistisch unabhängig und durch geringes Marschgepäck fähig zur Übernahme selbständiger Aufträge, stellten sie auf Feldzügen praktisch das Bindeglied zwischen dem im Lager verbleibenden Hauptteil der Armee und der zivilen Bevölkerung dar. Einerseits verantwortlich für zahlreiche gewaltsame Übergriffe, z. B. beim Einziehen von Nahrungsmitteln und Geldern, waren sie andererseits aber auch unverzichtbar zur Feindaufklärung oder zur Übernahme von Sicherungsposten. Heinrich Kaak (Berlin) untersuchte in einer Mikrostudie "Militär aus der Perspektive der brandenburgischen Landbevölkerung 1725 bis 1775". In den exemplarisch ausgewählten Dörfern Alt-Friedland und Alt-Quilitz war der Einfluss des Militärs vor allem durch die Belastung und Bedrohung gewohnter Abläufe des Alltags spürbar. Konkret waren es Exekutionen und die militärische Besetzung, die für die Dorfbewohner die am meisten gefürchteten Beeinträchtigungen darstellten. Das Referat von Stefan Kroll (Rostock) setzte sich am Beispiel Kursachsens mit dem höchst widersprüchlichen Verhältnis von Militär und ländlichen Randgruppen im 18. Jahrhundert auseinander. Gegen Arme, Bettler, Diebe, Gauner und "Zigeuner", die aus z. T. ganz unterschiedlichen Gründen ein Leben auf der Straße führten, ging die landesherrliche Obrigkeit rigoros vor, wobei häufig Militär eingesetzt wurde. Dennoch blieb die Umsetzung der Mandate von vielerlei Zufälligkeiten abhängig. Gleichzeitig sind zahlreiche Beispiele überliefert, die belegen, dass der Dienst als gemeiner Soldat für Angehörige von Randgruppen durchaus üblich und auch erstrebenswert war. Offenbar boten sich hier - zumindest für eine Zeitlang - vergleichsweise gute Chancen, um den alltäglichen Kampf um das eigene Überleben zu bestehen.

Die ohnehin schon breit vorhandene Bereitschaft zur Diskussion wurde durch den jeweils im Anschluss an zwei bzw. drei Referate folgenden Kommentar - beteiligt waren hier: Bernhard R. Kroener (Potsdam), Markus Meumann (Halle), Jutta Nowosadtko (Essen) und Norbert Winnige (Berlin) - zusätzlich angeregt. So dauerte die unter der Leitung von Bernhard Sicken (Münster) stehende Schlussdiskussion dann auch doppelt so lange wie geplant. Die einzelnen Tagungsbeiträge gewährten auf der Basis intensiver Quellenarbeit einen vielfältigen Überblick über ein Forschungsfeld, das bisher vergleichsweise wenig Beachtung gefunden hat. Angesichts der Breite des behandelten Themenfeldes konnte die Tagung allerdings lediglich eine erste Zwischenbilanz bieten und zu weiterer Forschung anregen. Übereinstimmend wurde zukünftig eine stärkere Berücksichtigung von Sachüberresten und Bildquellen angemahnt. Auch an Musik, Literatur, Märchen und Schwänke sei bei der Suche nach aussagefähigen Quellenarten zu denken. Neue Einsichten könnten auch durch interdisziplinäre Zusammenarbeit gewonnen werden, etwa mit Medizinhistorikern bei der Bewertung von Skeletten, die auf Schlachtfeldern ausgegraben wurden.