Arbeitskreis Militär und Gesellschaft in der frühen Neuzeit

Die Kapitalisierung des Krieges:
Kriegsunternehmer in Spätmittelalter und Früher Neuzeit

Internationale Konferenz, 18. bis 20. März 2009
Deutsches Historisches Museum Berlin

Tagungsexposé

Konferenzen fragen nach der „Rückkehr der Condottieri“, Fernsehsender und wissenschaftliche Foren lassen über die „Reprivatisierung des Krieges“ und über den Wiedereinzug des Mittelalters diskutieren: Es ist kaum zu übersehen, dass die verstärkte Nutzung privatunternehmerischer Dienstleistungen bei der Vorbereitung und Durchführung von Kriegshandlungen, die in den Konflikten der letzten Jahre zu beobachten war, nicht nur auf eine sensible Wahrnehmung in Politik, Medien und Wissenschaft stößt, sondern ganz offensichtlich sogleich zu historischen Assoziationen einlädt. Aufschlussreich ist dabei, dass in dieser Diskussion – anders als in parallelen Debatten, wie etwa jenen um Sozialreformen – das Vertrauen in die Vorzüge privater Unternehmertätigkeit einmal nicht als Inbegriff von Modernisierung und Effizienz steigernder Rationalität gedeutet, sondern eher als Rückfall in einen überwunden geglaubten, archaischen Zustand begriffen wird. Offensichtlich sind Gewalt und Krieg eines der letzten Felder, auf dem staatliche Kontrolle und Organisation nach wie vor als modern, die privat(unternehmerisch)e Betätigung hingegen als vor- oder unmodern gilt.

Hierbei wirkt sicher nach, dass man die „Entprivatisierung“ des Krieges im Zuge der spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen Ausbildung von Staatlichkeit und staatlichen Gewaltmonopolen als wichtigen Baustein in Deutungskonzepte einfügte, die diesen Prozess als Fortschritt im Sinne von Rationalisierung und Modernisierung werten. Demgegenüber galten jene Unternehmer, die ihr militärisches Können zur Kapitalbildung zu nutzen wussten oder ihr Kapital gewinnbringend auf den Schlachtfeldern Europas einsetzten, als Repräsentanten einer von ungezügelter Gewalt geprägten und daher zu überwindenden Zeit.
Solche teleologischen Deutungen haben sich als folgenreich für den Gang der historischen Forschung erwiesen: Obwohl sich privates Kriegsunternehmertum vom 13. bis zum 17. Jahrhundert als eine wesentliche Grundlage der in dieser Zeit erheblich expandierenden Kriegführung nachweisen und genauer analysieren lässt, offenbart ein Blick auf den Forschungsstand erhebliche Defizite und Ungleichgewichte: Umfassende Studien zum späten Mittelalter sind zahlreicher als solche zur Frühen Neuzeit, der Süden Europas ist weit besser erforscht als der Norden und Westen, personen- und familiengeschichtliche Zugänge sind erheblich verbreiteter als systematische. Insbesondere der Frühneuzeitforschung, die sich mit Ausnahme der Pionierstudie Redlichs von 1964/65 kaum systematisch für die unternehmerischen Aspekte des Krieges interessiert hat, haben stark modernisierungstheoretisch geprägte Vorstellungen über Staatsbildungsprozesse den Blick auf Bedeutung, Komplexität und Persistenz des Phänomens bis in das 17. Jahrhundert tendenziell verstellt. Selbst die fast schon sprichwörtliche ‚Ausnahme’ Wallenstein wird in dieser Perspektive zum Vorläufer des ‚absolutistischen’ Staates. Aber auch die Mediävisten haben die Fäden allzu oft spätestens im 16. Jahrhundert aus der Hand gelegt, ohne sich zu fragen, ob bloße Konventionen der Epochengliederung oder tatsächlich sachliche Argumente für ein Ende ihres Untersuchungsganges sprachen. Nicht selten hat man sogar ohne wirkliche, aus vergleichender Arbeit begründete Veranlassung gemeint, die Kriegsunternehmertätigkeit des Mittelalters von jener der Frühen Neuzeit scharf unterscheiden und so die Epochenscheide im 16. Jahrhundert bekräftigen zu können. Dass unter diesen Bedingungen kein intensiverer Austausch zwischen Mediävisten und Frühneuzeitforschern über einen gemeinsamen Gegenstand in Gang kam, nimmt kaum wunder.

Dieser unbefriedigende Befund bildet den Ausgangspunkt für die hier projektierte Tagung, die in internationaler Zusammensetzung Vertreterinnen und Vertreter aus unterschiedlichen Disziplinen zusammenbringt. Sie wählt die Verbindung kriegerischen und unternehmerischen Handelns in Spätmittelalter und Frühneuzeit zu ihrem Gegenstand und blickt damit auf die historischen Wurzeln eines höchst aktuellen Phänomens. Das Kriegsunternehmertum soll dabei als eine langlebige, Epochen übergreifende Erscheinung betrachtet werden, die sich keineswegs ohne Weiteres als bloßes Randphänomen oder als regionalspezifisches Sonderproblem in eine ebenso weit verbreitete wie simplifizierende Vorstellung einer linearen militärgeschichtlichen Entwicklung einfügen lässt, die von „mittelalterlichen Gefolgschaftsheeren“ zu „frühstaatlichen Dienst- und Berufsheeren“ führte. Entwicklungszäsuren in der Geschichte des Kriegsunternehmertums wiederum können nur Resultat diachroner wissenschaftlicher Erkundungen sein, nicht aber aus Fachtraditionen abgeleitet werden. Es gilt also erst zu klären, ob und inwieweit das Kriegsunternehmertum sich in den Kontext idealtypischer Modernisierungs- und Staatsbildungsvorstellungen einbinden lässt. Dafür ist zu prüfen, unter welchen politischen, sozialen, technologischen und ökonomischen Bedingungen es entstehen, sich etablieren und entfalten, sodann aber auch wieder an Bedeutung verlieren konnte – ohne freilich je ganz verschwunden zu sein.

Hilfreich für die systematische Annäherung kann das Konzept einer ‚Kapitalisierung des Krieges’ sein, wobei hier von Kapitalisierung in einem weiten Bedeutungsspektrum gesprochen wird. Hierzu kann gehören, dass Akteure materielle und personelle Ressourcen anbieten, um Gewinne zu generieren: Geld, Waffen, technisches Gerät, Versorgungsmittel, Raum, Tiere und Menschen können dazu zählen. Auch Kompetenzen lassen sich kapitalisieren, so beispielsweise strategische Erfahrungen, taktische Fähigkeiten oder technische Kenntnisse. Die gezogenen Gewinne wiederum lassen sich erneut unternehmerisch in das Kriegsgeschehen einspeisen. Doch nicht nur um materielle Profite kann es dabei gehen. Auch andere Formen des Gewinns, andere Formen der Kapitalbildung kennt das Kriegsunternehmertum. So lassen sich aus solchem Handeln Prestige und politischer Einfluss gewinnen, also soziales Kapital bilden; sogar konkrete Herrschaft lässt sich auf diesem Weg erreichen, absichern oder vermehren. Und auch dies alles kann schließlich wieder als Kapital zur Kriegführung verwendetet werden. Kurzum: Jede Ressource, die der Kriegführung notwendig oder nützlich ist, lässt sich unternehmerisch einsetzen, wodurch der Krieg insgesamt eine umfassende Kapitalisierung erfährt.

In drei Sektionen soll dieses Feld systematisch erkundet werden. In einem ersten Schritt sollen die personellen und materiellen Ressourcen, Finanzen und Logistik betrachtet werden. Welche Ressourcen aus welchen Quellen werden auf welchen Wegen kriegsunternehmerisch kapitalisiert? Welche Gewinne und Verluste werden realisiert? Wie organisiert und erhält man das Kapital, wie bietet man es an? Welche technologischen, welche gesellschaftlichen Gegebenheiten bestimmen die Entwicklungen?

Sodann sind in einem zweiten Schritt die Akteure genauer in den Blick zu nehmen: Welche sozialen Profile, Karrieremuster, Persönlichkeitsbilder, Handlungsmotive und -kontexte lassen sich ausmachen? Wer wird überhaupt Kriegsunternehmer? Wann und warum gelingt kriegsunternehmerisches Handeln, unter welchen Umständen scheitert es? Wo und unter welchen Bedingungen bilden sich Handlungstraditionen aus? Ist das Kriegsunternehmertum eher als Lebensphase oder als Lebensform zu begreifen?

Die Kapitalisierung des Krieges hat stets ebenso Heroisierung wie Verachtung, Zustimmung wie Kritik erfahren. Und so scheint es aufschlussreich, der Darstellung, Deutung und Rezeption des Kriegsunternehmertums in einer dritten Sektion gleichermaßen Raum zu geben. Dabei sind zunächst die genutzten Medien zu betrachten: Bilder und Plastik, Architektur und Interieur, Literatur und Dichtung, Musik, Siegel, Wappen und Inschriften – all dies kann hier von Belang sein. Sodann wird man nach Rezeption und Deutung in Philosophie, Theologie und Geschichtsschreibung fragen müssen. Bei alledem ist möglichst scharf zu scheiden zwischen Selbstdarstellung und Selbstdeutung der Kriegsunternehmer, der zeitgenössischen Fremdwahrnehmung und der späteren Rezeption, ein Anspruch der selbstverständlich scheint, aber in der Praxis oft durchaus schwierig zu realisieren ist.

Am Ende der Tagung sollen eine Reihe von Fallanalysen und systematischen Untersuchungen vorliegen, die es erlauben, in einem diachronen Zugriff das Profil des europäischen Kriegsunternehmertums zwischen dem 13. und dem 17. Jahrhundert schärfer zu konturieren und davon ausgehend nach Kontinuität und Wandel in Gestalt und Funktion dieses Phänomens zu fragen.

Matthias Meinhardt/Markus Meumann

In Kooperation mit dem Deutschen Historischen Museum Berlin, dem Arbeitskreis Militär und Gesellschaft in der Frühen Neuzeit e.V. und der Professur für die Geschichte des Mittelalters der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Gefördert von der Gerda Henkel Stiftung

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