Arbeitskreis Militär und Gesellschaft in der frühen Neuzeit

Workshop zu Göttingen (24.-25.5.2002)

Vom AMG werden als Ergänzung zu den Fachtagungen und Kolloquien auch Workshops angeboten. Einer dieser Workshops fand im Mai 2002 in Göttingen statt und befaßte sich mit:

Militär und Religiosität in der Frühen Neuzeit

Tagungsband
Bd. 4 Militär und Religiosität in der Frühen Neuzeit, hg. v. Michael Kaiser und Stefan Kroll (= Herrschaft und soziale Systeme, Bd. 4) Münster u.a. 2004 ISBN: 3-8258-6030-2; 352 Seiten; Preis: € 25,90

Inhalt
Rezension

Konzeption von Michael Kaiser und Stefan Kroll

(aus: Militär und Gesellschaft in der Frühen Neuzeit 5 (2001) S. 158 - 164.)

Ohne Frage zählt es zu den wesentlichen Funktionen eines wissenschaftlichen Arbeitskreises, seinen Mitgliedern regelmäßig die Gelegenheit zum Austausch, aber auch zur Kooperation zu ermöglichen. Der AMG bietet da, so meinen wir, eine ganze Menge. Inzwischen hat der Arbeitskreis erfreulicherweise einen so starken Zulauf erfahren, dass es uns sinnvoll erschien, auch über die alle zwei Jahre stattfindenden Forschungskolloquien/Tagungen hinaus gemeinsame Forschungsaktivitäten zu entwickeln. Wie den Mitgliedern bekannt ist, haben wir uns entschlossen, hier initiativ zu werden und ein Projekt zum Thema "Militär und Religiosität in der Frühen Neuzeit" vorzuschlagen. Zielsetzung war und ist die Herausgabe eines Sammelbandes, der in der Schriftenreihe des AMG erscheinen soll. Darüber hinaus besteht die feste Absicht, im Vorfeld eine Redaktionskonferenz ("Workshop") durchzuführen, auf der jeweils die vorläufigen Fassungen der Beiträge von den Projektbeteiligten diskutiert werden sollen. Im Anhang dokumentieren wir das Exposé, das allen Mitgliedern im Juni zusammen mit der Aufforderung, konkrete Themenvorschläge einzureichen, zugegangen ist. Die Resonanz auf unseren Aufruf war überaus positiv. Die zahlreichen Rückmeldungen haben uns in unserem Vorhaben bestärkt, zugleich aber auch dazu geführt, dass wir uns als Verantwortliche des Projekts gezwungen sahen, stärker lenkend einzugreifen, als das ursprünglich geplant war. So mussten wir leider auch einigen Interessenten eine Absage erteilen, um den inhaltlichen Zusammenhang des Bandes zu gewährleisten. Wir hoffen, mit dem Sammelband zum Thema "Militär und Religiosität in der Frühen Neuzeit" der wissenschaftlichen Öffentlichkeit abermals die Leistungsfähigkeit unseres Arbeitskreises dokumentieren zu können.

Militär und Religiosität in der Frühen Neuzeit (Projektskizze) Seit einigen Jahren entwickelt sich eine neue Militärgeschichte, die sich unter Zuhilfenahme innovativer Fragestellungen neue Themenfelder erschlossen hat. Beispielsweise haben sozial- und kulturgeschichtliche Zugriffe die Militärgeschichte an die Geschlechtergeschichte, an die Stadtgeschichte und die historische Gewaltforschung herangerückt. Weitgehend unberücksichtigt ist bislang das Spektrum der Religion geblieben - angesichts einer immer noch engagiert geführten Diskussion um das Konzept der Konfessionalisierung ein erstaunlicher Befund. Hier will das Projekt "Militär und Religiosität in der Frühen Neuzeit" ansetzen.

Auf den ersten Blick hat es den Anschein, dass zwei Bereiche zusammengeführt werden sollen, die miteinander kaum etwas zu tun haben. Das Konfessionelle Zeitalter lässt man gemeinhin mit der Mitte des 17. Jahrhunderts ausklingen, also genau dann, als der frühmoderne Fürstenstaat begann, ein Stehendes Heer aufzubauen und damit der Faktor Militär die Bedeutung erlangte, die ihm in der Geschichte zukam. Doch dass der Prozess der Konfessionalisierung auf das sich institutionell verfestigende Militärwesen gar keinen Einfluss mehr haben konnte, weil die Konfessionalisierung das Stehende Heer gewissermassen "verpasste", ist eine zunehmend fragwürdig werdende Annahme. Denn die verstärkt aufkommende Diskussion, wie weit die Konfessionalisierung eigentlich reichte, verschafft auch der Militärgeschichte eine neue Perspektive. Wenn man davon ausgeht, dass der Prozess der Konfessionalisierung bis ins 18. Jahrhundert hineinwirkte - andere wenden den Begriff der Konfessionalisierung sogar für das 19. Jahrhundert an -, stellt sich auch die Frage neu, wie die sich im späten 17. und 18. Jahrhundert entwickelnden Militärstrukturen vom Vorgang der Konfessionalisierung berührt waren.

Nur von Konfessionsbildung und Konfessionalisierung zu sprechen, bedeutet aber womöglich eine Verengung und droht eine Reihe von Fragestellungen auszuschließen. Insbesondere das bislang nur aufgeworfene, beileibe nicht abschließend geklärte Problem, inwieweit die Konfessionalisierung hauptsächlich von obrigkeitlicher Initiative getragen wurde, mithin eine Veranstaltung des Staates war, lässt es geraten erscheinen, den Begriff der Konfessionalisierung durch den der Religiosität zu erweitern. Hiermit soll vor allem eine mentalitätsgeschichtliche Dimension stärker betont werden, um nicht allein einen etatistischen Standpunkt einzunehmen, sondern auch das Verhältnis der Soldaten zu Konfession und Religion einzubeziehen.

Ein Wort zu den Quellen: Für sozial- und noch mehr für kulturgeschichtliche Fragestellungen erweist sich der Quellenbestand des 16. und auch noch des 17. Jahrhunderts als eher dürftig. Ganz offenkundig hat die Herausbildung des "miles perpetuus" infolge einer immer stärkeren Institutionalisierung auch ein Mehr an einschlägigem Quellenmaterial hervorgebracht und überliefert. Dies dürfte zu einem erheblichem Teil zunächst Material obrigkeitlicher Provenienz sein (z. B. Edikte, Dienstvorschriften, gedruckte Feldgebete und -predigten und Regimentsgerichtsprotokolle). Doch auch für die Welt des einzelnen Militärs - sowohl des Offiziers wie auch des einfachen Soldaten - lassen Stichproben eine immer besser werdende Überlieferungssituation annehmen, so dass die Quellengrundlage auch für dieses thematische Spektrum ausreichend sein wird. Neben Selbstzeugnissen wie Tagebüchern und Lebensbeschreibungen ist hier vor allem an private Briefwechsel sowie Zeugnisse für eine kollektive Identität wie Soldatenlieder zu denken.

Im Folgenden wird versucht auszuloten, in welchen Aspekten sich diese Thematik konkretisieren lässt. Wie oben angedeutet, stellt sich die Frage nach einer Konfessionalisierung in den Heeren des 17. und 18. Jahrhunderts neu. Daher bleibt aus einem durchaus etatistischen Blickwinkel zu fragen, ob es für die Kriegsherren zum Ende des Ancien Régime von Bedeutung war, welcher Konfession ihre Soldaten angehörten. Komplementär dazu ist zu fragen, ob es für die Soldaten von Belang war, welcher Konfession ihr Kriegsherr angehörte. Hieraus lassen sich womöglich weitere Erkenntnisse über die Motivation des Kriegsherren bei der Soldatenwerbung wie auch Beweggründe des Soldaten ausmachen, warum er Kriegsdienste annahm oder eben desertierte.

"Ohne Gottesfurcht ist der Soldat ein wildes Thier": Religiosität besaß für das Militär nie nur eine legitimatorische Funktion im Sinne einer Kriegssanktionierung, sondern war immer auch ein Mittel zur Erziehung und Disziplinierung der Soldaten. In welcher Weise dieser erzieherische Effekt erzielt werden sollte und welchen Erfolg diese Bemühungen hatten, wäre eigens zu untersuchen.

Religiosität darf aber nicht nur als Druck- oder Zwangsmittel gegenüber den Soldaten verstanden werden. Zu thematisieren wäre ebenfalls die positive Wirkung der Religiosität, etwa für die Motivation der Soldaten, in den Krieg zu ziehen und dort Leib und Leben zu riskieren. Dabei wäre auch eine Unterscheidung in Kriegs- und Friedenszeiten sinnvoll. Ebenso dürfte eine Rolle spielen, in welche Konflikte die Soldaten verwickelt wurden (Türkenkriege, Konflikte innerhalb/außerhalb des Reiches, innerhalb des Territoriums).

Im Kontext einer solchen Fragestellung stellt sich auch die Frage, wie das Thema Religiosität und Militär auf der Diskursebene behandelt wurde. Besonderes Interesse sollte auch die Kriegspropaganda auf sich lenken, insofern deren Adressaten nicht nur die Bevölkerung insgesamt, sondern auch die Soldaten selbst waren. Gerade an dem Punkt wäre abzuwarten, ob sich Argumentationsmuster vom späten 16. über das 17. bis hin ins 18. Jahrhundert hinein veränderten oder eben konstant blieben. Auch das Problem, wie lange es überhaupt "Religionskriege" gab, dürfte dabei erneut auftauchen. Diesem eher etatistischen Ansatz gegenüber bleibt zu fragen, wie sich das religiöse Leben in der Militärgesellschaft entwickelte? Welche Medien standen dafür zur Verfügung? Gab es eine spezifische soldatische Religiosität? Hier wäre auch zu untersuchen, inwieweit orthodoxe religiöse Vorstellungen, die durch obrigkeitliche Initiativen zur Konfessionalisierung gefördert wurden, auf Elemente einer Volksreligiosität samt den magischen Praktiken stießen, die gerade unter den Soldaten stets eine große Rolle gespielt haben.

Speziell wäre die Rolle der Feldgeistlichen zu thematisieren, also einer Institution, die bereits im 16. Jahrhundert auftaucht, aber erst ab dem späten 17. Jahrhundert wirklich flächendeckend in Erscheinung getreten ist.

Angesichts des bisher völlig unzulänglichen Forschungsstandes ist der geplante Sammelband weit davon entfernt, ein vollständiges Bild bieten zu können. Gleichwohl versteht er sich als Anstoß, ein noch weitgehend unbestelltes Forschungsfeld zu vermessen. Die hier vereinigten Studien verstehen sich als eine erste Bestandsaufnahme, die keineswegs enzyklopädisch sein will, sondern anhand von Einzelbeispielen die Komplexität und Schwierigkeit des Themas, aber auch mögliche Lösungsansätze veranschaulichen soll. Zudem erscheint es auch in diesem frühen Forschungsstadium sinnvoll, nicht nur die Verhältnisse im Alten Reich zu beleuchten, sondern auch den Blick auch über seine Grenzen hinaus zu führen.

Einführende Literaturhinweise zum Themenkomplex Militär und Religiosität in der Frühen Neuzeit

Die folgenden Arbeiten stellen nur einen kleinen Teil der hier in Frage kommenden Literatur dar. Sie illustrieren den Forschungsstand vor allem für die Situation in Mitteleuropa. Gleichwohl wird dabei oftmals deutlich, wie dürftig der Kenntnisstand derzeit noch ist.

  • Blessing, Werner K.: Kirchen und Krieg. Zur religiösen Deutung und Bewältigung außergewöhnlicher Zeit von der konfessionellen zur nationalen Epoche, in: Neue Wege der Ideengeschichte. Festschrift für Kurt Kluxen zum 85. Geburtstag, hrsg. von Frank-Lothar Kroll, Paderborn 1996, S. 151-172.
  • Blitz, Hans-Martin: Aus Liebe zum Vaterland. Die deutsche Nation im 18. Jahrhundert, Hamburg 2000 (insbesondere S. 147-187).
  • Boll, Friedhelm (Hrsg.): Volksreligiosität und Kriegserleben (Jahrbuch für historische Friedensforschung, 6), Münster 1997.
  • Burkhardt, Johannes: Religionskrieg, in: Theologische Realenzyklopädie, Bd. 28/Lieferung 5, Berlin/New York 1997, S. 681-687.
  • Burkhardt, Johannes: Abschied vom Religionskrieg. Der Siebenjährige Krieg und die päpstliche Diplomatie (Bibliothek des Deutsches Historischen Instituts in Rom, 61), Tübingen 1985.
  • Gembruch, Werner: Menschenführung im preußischen Heer von Friedrich dem Großen bis 1806, in: ders.: Staat und Heer. Ausgewählte historische Studien, hrsg. von Johannes Kunisch (Historische Forschungen, 40), S. 169-186.
  • Greyerz, Kaspar von: Religion und Kultur. Europa 1500-1800, Göttingen 2000.
  • Kaiser, Michael: Cuius exercitus, eius religio? Konfession und Heerwesen im Zeitalter des Dreißigjährigen Kriegs, in: Archiv für Reformationsgeschichte 91 (2000), S. 316-353.
  • Krusenstjern, Benigna von: Seliges Sterben und böser Tod. Tod und Sterben in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, in: Zwischen Alltag und Katastrophe. Der Dreißigjährige Krieg aus der Nähe, hrsg. v. Benigna von Krusenstjern und Hans Medick in Zusammenarbeit mit Patrice Veit (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, 148), Göttingen 1999, S. 469-496.
  • Repgen, Konrad: What is a 'Religious War'?, in: Politics and Society in Reformation Europe. Essays for Sir Geoffrey Elton on his Sixty-Fifth Birthday, hrsg. v. E. I. Kouri u. Tom Scott, New York 1987, S. 311-328.
  • Roeck, Bernd: Der Dreißigjährige Krieg und die Menschen im Reich. Überlegungen zu den Formen psychischer Krisenbewältigung in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, in: Bernhard R. Kroener u. Ralf Pröve (Hrsg.), Krieg und Frieden. Militär und Gesellschaft in der Frühen Neuzeit, Paderborn 1996, S. 265-279.
  • Rudolph, Hartmut: Das evangelische Militärkirchenwesen in Preußen. Die Entwicklung seiner Verfassung und Organisation vom Absolutismus bis zum Vorabend des I. Weltkrieges (Studien zur Theologie und Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts, 8), Göttingen 1973.
  • Schindling, Anton: Konfessionalisierung und Grenzen der Konfessionalisierbarkeit, in: Ders. u. Walter Ziegler (Hrsg.), Die Territorien des Reichs im Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung. Land und Konfession 1500-1650, Bd. 7: Bilanz - Forschungsperspektiven - Register, Münster 1997, S. 9-44.
  • Schmidt, Heinrich Richard: Sozialdisziplinierung? Ein Plädoyer für das Ende des Etatismus in der Konfessionalisierungsforschung, in: Historische Zeitschrift 265 (1997), S. 639-682.
  • Sikora, Michael: Disziplin und Desertion. Strukturprobleme militärischer Organisation im 18. Jahrhundert (Historische Forschungen, 57), Berlin 1996.